| |
Geschichte
Ab 1860 siedelten sich wohlhabende Bürger, darunter Werner von Siemens und August Borsig, am nördlichen Ufer des Kleinen und am westlichen Ufer des Großen Wannsees an. Dort gründete der Bankier Wilhelm Conrad 1863 die Kolonie Alsen. Der Name erinnert an den Sieg Preußens über Dänemark und die Kapitulation der Insel Alsen 1864. Conrad wollte ein Gesamtkunstwerk von Villen in einer Parklandschaft, umgeben von Wasser, errichten. Mit der Planung beauftragte er den Berliner Gartenbaudirektor und Lenné-Schüler Gustav Meyer. Um finanzkräftige Bewohner an den Wannsee zu locken, wurde 1874 die Bahnverbindung zwischen Berlin und Wannsee eröffnet, im Volksmund »Bankierszüge« genannt. Die Gegend um Großen und Kleinen Wannsee war bis zur Jahrhundertmitte weitgehend unbesiedelt. 1870 entstand die spätere Reichsstraße 1, die Berlin und Potsdam miteinander verband. Ab 1874 wurde auch das Ostufer besiedelt, dort entstand die Villenkolonie Wannsee. 1898 wurde aus Stolpe und den beiden Kolonien die Gemeinde Wannsee, die 1920 dem Bezirk Zehlendorf zugeordnet wurde.
Tourbeschreibung
Wir verlassen den Bus 114 an der Haltestelle Colomier-straße. Auf der linken Seite, Am Großen Wannsee 39-41, erblicken wir die Springer Villa. Die Brüder Ferdinand und Fritz Springer, nicht verwandt mit dem Verleger Axel Springer, sondern Inhaber des gleichnamigen Wissenschaftsverlags, siedelten sich Anfang des 20. Jahrhunderts in der Kolonie Alsen an. Ferdinand beauftragte den berühmten Baumeister Alfred Messel mit dem Bau eines Landhauses im amerikanischem Stil. Die Original-Holz-Schindeln auf Dach und Wänden der Springer Villa sind heute noch zu bewundern. Fritz kaufte das Haus des Architekten Koblanck in der Straße zum Löwen 12. Heute ist das Grundstück mit Reihenhäusern bebaut. Die Straße führte ursprünglich zum „Flensburger Löwen“, einem Zinkabguss und Wahrzeichen der Kolonie. Das Denkmal wurde 1938 zum Heckeshorn umgesetzt.
Auf der rechten Seite, direkt gegenüber, liegt die „Villa Thiede“ (www.villa-thiede.de), Am Großen Wannsee 40. Sie wurde 1906 von dem Architekten Paul Baumgarten als Sommersitz für den Abgeordneten und Direktor der AEG, Johann Hamspohn, errichtet. Bis 1969 wurde das Gebäude als Krankenhaus genutzt. Die Dr. Jörg-Thiede-Stiftung erwarb und restaurierte das Haus 2004 und zeigt dort heute Ölgemälde und Zeichnungen der Berliner Secession (1890-1914). Den Garten, von dem man einen herrlichen Blick über den See hat, schmücken Skulpturen von Volkmar Haase und Bernhard Heiliger. Im ehemaligen Bootshaus finden heute Konferenzen, Seminare und Kulturveranstaltungen statt.
In der Colomierstraße 3 liegt die, ebenfalls von Paul Baumgarten erbaute, Sommervilla von Max Liebermann (www.liebermann-villa.de). Der jüdische Maler verbrachte in den folgenden 25 Jahren die Sommer in dem Haus, wo viele seiner bekanntesten Werke entstanden. Ihn verband eine jahrelange Freundschaft mit dem berühmten Arzt Ferdinand Sauerbruch, der in der Koblanckstr. 1 wohnte, wo heute ein Bildungszentrum der ÖTV steht. Er war einer der wenigen, die 1935 an der Beerdigung des als Jude verfemten Malers teilnahmen. Nach Liebermanns Tod 1935 zwangen die Nazis dessen Frau Martha zum Verkauf der Villa. Sie ging in den Besitz der Reichspost über und diente im Krieg als Lazarett. Noch bis 1969 wurde das Haus als Krankenhaus genutzt, später hatte ein Tauchclub das Anwesen vom Land Berlin gepachtet. Erst nach jahrelangen Bemühungen gelang es der 1995 gegründeten „Max-Liebermann-Gesellschaft“ das Haus zu erwerben. Nach der Restaurierung wurde dort 2006 ein Museum eröffnet. Die Sanierung kostete rund 3 Mio. Euro und wurde durch die Stiftung und private Spender ermöglicht. Der von dem damaligen Direktor der Hamburger Kunsthalle Alfred Lichtwark in den Jahren 1910-1912 gestaltete Garten war Motiv zahlreicher Gemälde Liebermanns und wurde nach seinen Bildern originalgetreu wiederhergestellt. Im Obergeschoss des Hauses sind rund 40 Gemälde des Künstlers zu sehen.
Geht man geradeaus weiter, kommt man zum berühmt-berüchtigten Haus der Wannseekonferenz (www.ghwk.de), Am Großen Wannsee 56-58. Dort verhandelten am 20. Januar 1942 SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich und 15 Spitzen-Ministerialbeamte der NS-Regierung über die Deportation und Ermordung der Juden Europas. Die SS hatte die Villa 1940 vom Generaldirektor des Stinnes-Konzerns Friedrich Minoux gekauft und nutzte sie u.a. als Gästehaus. Nach Kriegsende waren erst die Rote Armee, dann die US Armee Herren des Hauses. Fast die gesamte Einrichtung wurde geplündert. 1947 zog das August-Bebel-Institut der Berliner SPD ein, ab 1952 diente es als Schullandheim. 1988 begannen Umbau und historische Rekonstruktion von Villa und Garten zur Errichtung einer Gedenkstätte. Sie wurde 1992 zum 50. Jahrestag der Konferenz eröffnet.
Geht man geradeaus weiter, so wird am Ende einer baumbestandenen Allee das Wahrzeichen der Kolonie, der „Flensburger Löwe“, sichtbar. Von dort kann man über den ganzen See bis zum Strandbad Wannsee schauen. Den schönen Blick kann man während einer Rast im Restaurant „Haus Sanssouci“ oder im Lokal „Seehase“, gegenüber auf der rechten Seite, besonders genießen.
Ab Haltestelle Heckeshorn fährt der Bus 114 weiter bis zur „Straße zum Löwen“. Dort steigen wir aus und laufen die Lindenstraße hoch. An der Don-Bosco-Straße liegt hinter hohen Backsteinmauern der verwunschene Friedhof Wannsee, auf dem noch einige Gräber der „Ureinwohner“ der Kolonie zu sehen sind. Portal, Aussegnungshalle und Umfassungsmauer sind original erhalten. 1896 schenkte der Gründer Wilhelm Conrad „seiner“ Kolonie eine Kirche, nachdem zuvor die Friedhofsanlage entstanden war. An die dreischiffige offene Vorhalle wurde später von Otto Stahn eine Kirche angebaut. 1902 stellte der jüdische Kaufmann Oscar Huldschinsky den Antrag, den neuen Begräbnisplatz auch für Juden freizugeben. Erst nach Zustimmung des Landrats konnte sein Leichnam auf dem Friedhof beigesetzt werden; die Grabstätte ist noch zu bewundern. Auf dem im Volksmund als „Millionen-“ und „Judenfriedhof“ verspotteten Areal wurden fast alle Bewohner der Kolonie beigesetzt. 1918 wurde das Gelände durch Otto Stahn erweitert. Gartengestaltung, Lindenalleen und Grabbepflanzungen des alten Friedhofsteils sind weitgehend erhalten und stehen unter Denkmalschutz. An der Mauer befindet sich ein Steinkreuz, auf dem ein Davidstern eingelassen ist. Künstler- und Entstehungsgeschichte sind jedoch unbekannt. Es wird vermutet, dass es einen Kultraum in einer Villa in der Königstraße gab; eine Synagoge existierte in Wannsee nicht. Ein Grabstein auf dem alten Friedhofsteil erinnert an deportierte und ermordete Angehörige der Familie Meyer. 1948 hatte Wannsee 7.504 Einwohner. Vor dem Krieg wohnten dort 172 Juden, die Nazizeit haben nur 12 von ihnen überlebt.
Hier endet unsere Tour. Wir gehen zurück zur Bushaltestelle und fahren mit dem 114er zum S-Bahnhof Wannsee. |
|
Nützliche Hinweise
Verkehrsanbindung: S-Bahnhof Wannsee Bus 114 täglich alle 20 Minuten |
|

 Kolonie Alsen 1863 Bild: Nodder |
 |
| |
|

 Blick auf den Wannsee Bild: Tolanor |
 |
| |
|

 Villa Springer Bild: Saskia Karas |
 |
Villa Thiede
Öffnungszeiten: Di-So 11-18 Uhr Telefon: 80 58 39 30
Der Eingang ist nicht #behindertengerecht. |
|

 Villa Thiede Bild: Saskia Karas |
 |
Max Liebermann Villa
Öffnungszeiten: Apr.-Okt.: Mi-Mo 10-18 Uhr; Do bis 20 Uhr; Di geschlossen;
24.12. und 31.12. geschlossen
Telefon: 805 85 900
Preise: 6,00 Euro,
ermäßigt 4,00 Euro, Kinder bis 14 Jahre frei |
|

 Blick auf die Liebermann Villa Bild: Saskia Karas



Garten der Liebermann Villa Bild: Linhard Schulz |
 |
Haus der Wannseekonferenz
Öffnungszeiten Dauerausstellung: täglich 10 bis 18 Uhr
Preise: Eintritt für Einzelpersonen kostenlos; mehrsprachige Gruppen-führungen kosten 2,00 Euro.
Gruppen bitte rechtzeitig anmelden unter www.ghwk.de
secretariat@ghwk.de |
|

 Haus der Wannseekonferenz Bild: Saskia Karas


 Gartenplan Haus der Wanseekonferenz Bild: Haus der Wannseekonterenz



Steinbank, Haus der Wannseekonferenz Bild: Haus der Wannseekonterenz |
 |
| |
|

 Flensburger Löwe Bild: Saskia Karas |
 |
| |
|

 Blick vom Löwen
auf das Strandbad Wannsee Bild: ??? |
 |
| |
|

 Friedhof Wannsee Bild: ??? |
 |
| |
|

 Grab von Huldschinsky Bild: Saskia Karas |
|
|