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Die Schlosstrasse im Spiegel der Zeit
Tour 03 Karte

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Unser Ausflug führt die Schloßstraße entlang bis zum Walther-Schreiber-Platz. Wir gehen vom ehemaligen Dorf Steglitz bis zum modernen Stadtteil und erleben dabei eine wichtige Lebensader Berlins. Durch den Bau der Potsdamer Chaussee und der Eisenbahnlinie Berlin-Potsdam erlebte Steglitz im 19. Jahrhundert einen wirtschaftlichen Aufschwung. Um 1900 war die Schloßstraße eine Hauptverkehrsstraße mit vielen Geschäftsansiedlungen. Heute gehört sie zu den beliebtesten Einkaufsstraßen Berlins.
  Tourbeschreibung

Wir beginnen unsere Tour im „alten“ Steglitz „Am Fichtenberg“.

Im alten Dorfkern Ecke Grenzburgstraße befindet sich seit 1952 die Adria-Filmbühne (www.berlin.de). Vor dem Zweiten Weltkrieg war dort das Schloßparkkino (www.allekinos.com/berlin). Daneben existiert in dieser Einkaufsstraße noch der 1928 eröffnete Titania-Palast (www.gruenewald.gmxhome.de), der 1951 Austragungsort der ersten Berlinale war.

Eine Hauptstätte des NS-Terrors stand am südlichen Ende der Schloßstraße gegenüber der Straße Am Fichtenberg: das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (www.rgolz.de) in der Straße Unter den Eichen 126-135. Es war eine zentrale Stelle für die industrielle und ökonomische Ausbeutung der europäischen Juden, deren Ermordung und die Verwertung ihres Eigentums. Es wurde 1942 geschaffen und verwaltete die SS-eigenen Industrien, Gewerbe und Betriebe in den Konzentrationslagern. Allgemein war es für die Lagerleitung zuständig und organisierte die Wachkommandos. In diesem Gebäude befand sich auch eine Sammelstelle für den Abtransport von Juden in die Vernichtungslager. Eine Schautafel erinnert an die Vergangenheit des Hauses.

An der Schloßstraße 48 befindet sich das lachsfarbene Gutshaus Steglitz, das so genannte Wrangelschlößchen (www.berlin.de), und das Schlossparktheater mit den dorisch wirkenden Säulen. Es bildete einst den Mittelpunkt des Dorfes Steglitz, das im 13. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt wurde. Das Gutshaus Steglitz ist auch die Geburtsstätte der Freimaurerei in Steglitz. Die 1885 entstandene Vereinigung „Bruderbund am Fichtenberg“ leitete ihren Namen vom nahe gelegenen Fichtenberg her. 1886 entstand die gleichnamige Loge, für die der Steglitzer Baurat Otto Techow die entsprechenden Räumlichkeiten schuf. Er errichtete im gleichen Jahr auch den Wasserturm auf dem Fichtenberg. 1893/94 wurde ein eigenes Logenhaus in der Albrechtstraße 112a gebaut, das heute nicht mehr existiert.

In der Wrangelstraße 6-7 war früher die „Jüdische Blindenanstalt für Deutschland“, an die eine Gedenktafel erinnert. Über die Wrangelstraße hinweg, in der Schloßstraße 44, ist die neugotische, aus Backstein errichtete Matthäuskirche (www.matthaeus-steglitz.de) zu sehen. Die alte Steglitzer Dorfkirche stand etwa an der Stelle des heutigen Matthäus-Gemeindehauses und wurde 1881 abgerissen. Auf der Grünfläche vor der Matthäuskirche stehen zwei Denkmäler, links eines für die Opfer der Berliner Mauer, das 1965 entstanden ist, und rechts eine schlanke Figur, die so genannte „Gefesselte“. Sie wurde 1960 von Gisela von Tzschoppe für die Verfolgten von 1933 bis 1945 geschaffen. Auf dem Friedhof vor der Matthäuskirche liegt der Seidenfabrikant Johann Adolf Heese (1783-1862) begraben. Er gründete mit seinem Seidenraupenbetrieb das erste industrielle Unternehmen in Steglitz.

Schräg gegenüber der Matthäuskirche steht der Steg-litzer Kreisel in der Schloßstraße 80, wo auch regelmäßig Ausstellungen stattfinden. Davor wurde nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 die Friedenseiche gepflanzt, die heute noch dort steht. An der Ecke zur Grunewaldstraße, Schloßstraße 38-40, ist links der ehemalige Auto-Ausstellungspavillon Eduard Winter (www.steglitz.de/jahrbuch/0127.php) zu sehen, in dem sich heute ein Cafe befindet. Die Schwartzsche Villa (www.schwartzsche-villa.de), der ehemalige Sommersitz der Bankiersfamilie in der Grunewaldstraße 55, ist versetzt dahinter zu finden. Sie ist eine Einrichtung des Kulturamtes Steglitz-Zehlendorf und bietet ein vielfältiges kulturelles Programm, auch für Kinder. An dieser Stelle hat übrigens Johann A. Heese sein erstes Grundstück zur Pflanzung von Maulbeerbäumen für seine Seidenraupenzucht erworben.

Ein möglicher Schlenker führt zum Wohnhaus von Franz Kafka, dem tschechischen Schriftsteller, der 1923 mit seiner letzten Liebe Dora Diamant nach Berlin kam, wo er immer schon wohnen wollte. Der Weg dorthin führt durch den Park hinter der Schwartzschen Villa, rechts in die Rothenburgstraße bis zur nächsten Kreuzung und danach links in die Grunewaldstraße 13.

Danach geht’s wieder zurück in Richtung Ausstellungspavillon. Dem gegenüber befindet sich das alte Rathaus Steglitz (www.berlin.de) in der Schloßstraße 37. Es wurde von 1896 bis 1898 erbaut. Hier wurde 1901 der Wandervogel (www.dhm.de) gegründet, der als Beginn der deutschen Jugendbewegung galt. Nach den Idealen der Romantik gestalteten bürgerliche Jugendliche und junge Erwachsene ihr Leben nach eigener Überzeugung in der Natur.

Hier, am Hermann-Ehlers-Platz, steht die Spiegelwand (www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv), ein Mahnmal für die deportierten Juden aus Steglitz. Sie wurde 1995 an dieser Stelle nach langen Diskussionen errichtet, da sich in der Düppelstraße 41 die kleine Synagoge (www.steglitz.de/StadtteilZeitung/00/juni/1.php) befand. Sie wurde damals von Moses Wolfenstein gestiftet, der 1878 den „Religiösen Verein Jüdischer Glaubensgenossen zu Steglitz e.V.“ gründete. Es existiert noch das Portal im nicht öffentlich zugänglichen Innenhof.

Die Geschäftsleute Levy Sally und Moritz Feidt geben exemplarisch weitere Hinweise auf das ehemals reichhaltige jüdische Leben in Steglitz. Eine Metallverzierung an der Eingangstür des Glückshofs erinnert noch an den Namen des Kaufhauses, das 1914 von Levy Sally in der Albrechtstraße 131 gegründet wurde. An Moritz Feidt, der 1907 das Warenhaus Feidt in der Schloßstraße 97 eröffnete, erinnert eine Gedenktafel neben dem Eingang des Gebäudes, in dem sich heute ein Schuhgeschäft befindet.

In der Schloßstraße 28 befand sich bis Ende 1993 eine bekannte Berliner Feinkostadresse, die 1907 von den Lebensmittelunternehmern August Nöthling und Fritz Bechthold als „Stadtküche Bechthold & Nöthling“ gegründet wurde. Infolge der antisemitischen Verfolgungen emigrierte Bechthold im Jahre 1938 mit seiner jüdischen Frau nach England. Nöthling wurde 1943 eingesperrt, weil er trotz verordneter Lebensmittelrationierung NS-Größen großzügig mit Feinkostartikeln versorgte. Im Gefängnis beging er Selbstmord.

An der Ecke Kieler Straße befindet sich die katholische Rosenkranz-Basilika (www.rosenkranz-basilika.de), die um 1900 im neoromanischen Baustil von Christoph Hehl errichtet wurde.

Ein weiterer Abstecher links in die Ahornstraße 15a, Ecke Lepsiusstraße, führt uns zum ehemaligen Freimaurerlogenhaus der Großen National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln (www.3wk.org). Die Inschrift „Humanitati“ (der Menschlichkeit verpflichtet) in goldenen Großbuchstaben am Dachfries erinnert noch an diese humanitäre Bewegung, die dort von 1946 bis 1957 ihren Sitz hatte. Danach zog die Großloge in eine Villa in Charlottenburg. Heute befindet sich im Haus ein Jugendclub (www.berlinerjugendclub.de).

Wieder auf der Schloßstraße erreichen wir das Turmrestaurant Steglitz, auch Bierpinsel genannt, das als Popart-Bau in die Joachim-Tiburtius-Brücke eingegliedert wurde. Ebenso links, in der Schloßstraße 4-5, steht der eingangs erwähnte Titania-Palast. Unsere Tour endet am Forum Steglitz (www.forum-steglitz.de), einem Einkaufszentrum in der Schloßstraße 1. 1967 erbaut, orientierte es sich am Europa-Center am Tauentzien und sollte Berlins zweites „multifunktionales Einkaufs- und Dienstleistungszentrum“ sein. Es ist aus der Euphorie entstanden, dass solchen Einkaufszentren die Zukunft gehöre. Im Erdgeschoss gab es bis zum Umbau 2005 den Bornmarkt, der als überdachter Markt sehr beliebt war.

Der Schloßstraße schließt sich der Walther-Schreiber-Platz an, der die Grenze zu Berlin-Schöneberg markiert. Dieser dreieckige Platz befindet sich inmitten der verbreiterten Fahrdämme mit regem Verkehr. Vor dem Zweiten Weltkrieg existierte an dieser Stelle kein Platz, sondern ein Punkt, an dem die Kaiserallee (heutige Bundesallee), die Schloßstraße und die Rheinstraße zusammenliefen und das „Rheineck“ bildeten.
 
Nützliche Hinweise   Adria-Kino

Adria-Kino
Bild: Astrid Hochörtler
    Alte Kinos in der Schlosstrasse von 1933

Alte Kinos in der Schlosstrasse
von 1933
Bild: Kulturring in Berlin e.V.
    Berliner Gedenktafel

Berliner Gedenktafel
Bild: Astrid Hochörtler
    Wrangelschlösschen

Wrangelschlösschen
Bild: Astrid Hochörtler
Für eine Pause zwischendurch befindet sich im Hof vor der Matthäuskirche eine alte Esche, die mit einer rundherum verlaufenden Mauer zum Entspannen einlädt.   Matthäuskirche

Matthäuskirche
Bild: Astrid Hochörtler
    Steglitzer Kreisel mit Friedenseiche

Steglitzer Kreisel mit Friedenseiche
Bild: Astrid Hochörtler
    Schwartzsche Villa

Schwartzsche Villa
Bild: Kulturring in Berlin e.V.
    Alter Bahnhof Dreilinden

Rathaus Steglitz
Bild: Astrid Hochörtler
Am Hermann-Ehlers-Platz findet an 3 Tagen pro Woche ein Wochenmarkt und sonntags ein Flohmarkt statt.   Spiegelwand

Spiegelwand
Bild: Kulturring in Berlin e.V.
    Eingangsportal der ehemaligen Wolfenstein-Synagoge

Eingangsportal der ehemaligen Wolfenstein-Synagoge
Bild: Jens Leder
In dem ersten OG der Schloßstr. 26 findet man das Bistro Le Café. Die gemütliche Oase lädt zum Entspannen und Geniessen ein.   Bistro Le Café

Bistro Le Café
Bild: Jens Leder
    Eingangstür Glückshof

Eingangstür „Glückshof“
Bild: Astrid Hochörtler
    Ehm. Logenhaus der Grossen National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln

Ehm. Logenhaus der „Grossen National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln“
Bild: SW Kirchhof Stahnsdorf
 
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