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Vergangenheit und Gegenwart - Ein Gang durch Lichterfelde-Ost
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Unser Ausflug führt vom alten Dorfkern von Lichterfelde bis zu den Anfängen der von Johann Anton Wilhelm Carstenn gegründeten Villenkolonie Großlichterfelde. Das Dorf Lichterfelde wurde wahrscheinlich im 13. Jahrhundert von flämischen Siedlern gegründet und taucht zum ersten Mal in einer Urkunde von 1298 auf (Arnoldus de Lichtervelde). Der Begriff könnte sich vom flämischen Lichtervelde ableiten. Im Jahre 1865 kaufte der Hamburger Kaufmann und Bauunternehmer Johann Anton Wilhelm Carstenn das verschuldete Gut, um aus ihm für vornehme Bürger eine Villenkolonie zu machen. Für sein Vorhaben boten die Strecken der Potsdamer und der Anhalter Eisenbahn, die das Gebiet durchquerten, eine verkehrsgünstige Gelegenheit. Im Jahre 1877 fusionierte Lichterfelde mit Giesensdorf zur Gemeinde Großlichterfelde. Um die Villenkolonie auch für Militärpersonen attraktiv zu machen, ließ Carstenn von 1872 bis 1878 eine neue Hauptkadettenanstalt vom preußischen Kriegsministerium bauen.
  Tourbeschreibung

Unser Startpunkt ist in der Dürerstraße 45, wo sich vor fast zwei Jahrzehnten noch ein Stück vom alten Dorf Lichterfelde befand: Der 1898 entstandene Bauernhof der Familie Amendt, ein Betrieb mit einer Molkerei. Auch Agrarstudenten der Technischen Universität besuchten ihn. Nach der Wiedervereinigung musste der Betrieb im Jahre 1991 wegen Absatzproblemen aufgegeben werden. Kurz danach entstand auf dem Areal hinter einem alten Backsteinbau ein großer Mehrfamilienwohnkomplex.

Wir biegen rechts in die Memlingstraße ein. Im Haus Nr. 14a, einem roten Backsteinbau, ist die Jugendfreizeiteinrichtung Albrecht Dürer (berlin.de/ba-steglitz-zehlendorf/verwaltung/jugend) untergebracht. Jetzt halten wir uns links und sehen in der Holbeinstraße 30a, Ecke Memlingstraße 12, ein Zweifamilienhaus im Jugendstil des Architekten Simon aus den Jahren 1901/02. Entlang der Holbeinstraße bestaunen wir zwei schöne Fachwerkhäuser im altdeutschen Stil mit den Hausnummern 26 und 50. Erbaut wurden sie von Julius Vogler 1891/92. Auffallend sind die steilen Giebel und spitzen Türme. In der Holbeinstraße 21 erblicken wir die Berthold-Otto-Schule, eine private Grund- und Hauptschule (www.berthold-otto-schule.de), in der auch eine Büste des Namensgebers steht. Jetzt drehen wir um und gehen zurück zum Tietzenweg, den wir nach rechts einbiegen. Auf diesem Weg erblicken wir Villen verschiedener Baustile. Nach links gehen wir in den Lukas-Cranach-Weg. Danach biegen wir wiederum links in die Krumme Straße ein.

Nun halten wir uns rechter Hand, um in den Stockweg einzubiegen, in dem sich ein sehenswertes Fachwerkhaus und ein ehemaliges Bauernhaus befinden (Nr. 14 und 16a). An der nächsten Kreuzung biegen wir links ab und kommen am Ende der Straße zum Hindenburgdamm. Gegenüber befindet sich der alte Dorfanger von Lichterfelde mit der im 14. Jahrhundert aus Feldsteinen erbauten Dorfkirche und der größeren, aus dem Jahre 1900 stammenden Pauluskirche (www.paulus-lichterfelde.de), die als gotischer Backsteinbau nach Entwürfen von Fritz Gottlob errichtet wurde. Auf dem Dorfkirchhof befindet sich das Grab von Johann Anton Wilhelm Carstenn. Der Feldsteinkirche sind zwei Gruften angebaut, von denen sich in einer die Särge der Gutsherrenfamilie von Bülow befinden und in der anderen der Sarg des geadelten Lehrers von König Friedrich Wilhelm II, Nikolaus von Béguelin, untergebracht war. Einst standen in diesem Teil Lichterfeldes die eingeschossigen Fachwerkhäuser und Wirtschaftsgebäude der Bauern. Das Dorf lag früher am Rande des Auenwaldes der Bäke. Der Anger mit der Dorfkirche und dem Friedhof bildete das Zentrum dieser Siedlung.

Anschließend gehen wir auf die gegenüberliegende Straßenseite und halten uns links. Wir erblicken einen zweigeschossigen Bau mit einer gelben Fassade. Früher beherbergte er ein Jugendheim, heute das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. (www.stadtteilzentrum-steglitz.de). Es handelt sich hier um das alte Lichterfelder Gutshaus im spät-klassizistischen Stil, auch „Carstennschlößchen“ genannt, weil Carstenn es als Wohnsitz gewählt hatte. Es wurde 1780 errichtet, sein Inneres erfuhr im Laufe der Zeit mehrfach Veränderungen. Die Kellermauern weisen noch auf den Vorgängerbau aus dem Mittelalter hin. Ursprünglich stand es nordöstlich vom Anger am Eingang des Dorfes. Hinter dem Gutshaus erstreckt sich der 7,4 ha große, aus dem Auenwald im 19. Jahrhundert gestaltete Gutspark, der heute zum Teil Naturschutzgebiet ist. Wir durchqueren den Park und erreichen die Paul-Schwarz-Promenade am Teltowkanal. Dort halten wir uns rechts und spazieren am Kanal entlang bis zur Königsberger Straße. Auf der rechten Seite unserer Strecke befindet sich das Sommerbad Lichterfelde, im Volksmund Spucki (www.insauna.com/berlinlichterfeld) genannt, am Hindenburgdamm 9-10.

Endlich erreichen wir die Königsberger Straße. Wir biegen nach links ab und überqueren die Brücke über den Teltowkanal. Dahinter nehmen wir den Weg nach links in die Eduard-Spranger-Promenade. Sofort entdecken wir am Ufer des Teltowkanals Ecke Herwarthstraße einen Schiffsbug und unter Glas die Lok einer so genannten Treidelbahn, mit der Schiffe gezogen wurden. Wir begehen die Promenade bis fast zur Bäkestraße und erreichen den Park am Lilienthal-Denkmal. Auf Höhe des Lichterfelder Sommerbades liegt ein Areal mit einer Wiese und Blumenbeeten. Dort stehen wir vor dem im Jahre 1914 vom Bildhauer Peter Breuer geschaffenen Fliegerdenkmal mit einer bronzenen Ikarusfigur, das an den verunglückten Flugpionier Otto Lilienthal (www.lilienthal-museum.de) erinnert. Rechts erblicken wir das Park-Café, das Räumlichkeiten für alle möglichen Feiern bietet und durchqueren weiterhin die Eduard-Spranger-Promenade bis zur Krahmerstraße, in die wir rechts einbiegen.

Nun gelangen wir auf den Ostpreußendamm, wo wir uns wiederum rechter Hand halten, und gehen bis zur Ecke Boothstraße, die links abgeht. Die Villa in der Hausnummer 15 wurde 1887/88 von Richard Reinhold Hintz erbaut und steht unter Denkmalschutz. In der Boothstraße Nr. 17 stand einst das Wohnhaus des Flugpioniers Otto Lilienthal. Heute befindet sich dort ein Altenpflegeheim der Gesellschaft Curanum. Im Haus Nr. 20a ist die Botschaft von Äthiopien untergebracht. Um 1900 war es im Besitz von Arthur Schwarz, dem Begründer der Neuen Photographischen Gesellschaft (diegeschichteberlins.de/geschichteberlins/berlinabc/
stichwortehn/neuephotographischegesellschaft.html
). Benannt wurde die Straße nach dem Hamburger Gartenbauunternehmer James Booth, den Carstenn beauftragt hatte, im südlichen Bereich der Drakestraße hochwertige Begrünungen vorzunehmen. Anschließend biegen wir nach links in die Hartmannstraße ein. Nach rechts geht unsere Route in den Bassermannweg ab. Die Hausnummern 8-11b zeigen uns Häuser im englischen Landhausstil. Das Haus Nr. 10 wurde von Heinrich Straumer (deu.archinform.net/arch), einem Chemnitzer Architekten der gemäßigten Moderne, und seinem Kollegen P. von Behorn erbaut. Wir biegen rechts in die Marienstraße ein und gehen bis zum Marienplatz, wo sich ein Bethel-Krankenhaus befindet. Am Platz vorbei betreten wir wieder die Marienstraße, die wir bis zur Bahnhofstraße weitergehen. In die Bahnhofstraße biegen wir nach links. Die Villa mit der Nummer 38b ist ein Bau von P. von Benhorn und H. Straumer. Wir kehren um, gehen zurück und biegen linker Hand in den Jungfernstieg. In der Hausnummer 19 sehen wir eine 1885 erbaute Villa aus ockerfarbenem Backstein mit Türmen. Heute befindet sich dort die Villa Folke Bernadotte (www.nachbarschaftsheim-mittelhof.de), eine Freizeit- und Begegnungsstätte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die dem Dachverband Mittelhof (www.nachbarschaftsheim-mittelhof.de) untersteht. Anschließend gehen wir zurück und erreichen bald auf der gegenüber liegenden Straßenseite den Bahnhof Lichterfelde-Ost (www.bsisb.de). Carstenn ließ ihn 1868 in der Gründungsphase der Villenkolonie Lichterfelde errichten. Das graue Bahnhofsgebäude mit Pilastern entstand erst von 1913 bis 1916. Vor 1945 hielten auf diesem Bahnhof neben der S-Bahn auch Fernzüge. Seit 2006 hat die Regionalbahn dort wieder einen Haltepunkt.

Schließlich kommen wir im Jungfernstieg 29 am seit Anfang der 80er Jahre existierenden Restaurant Piroschka (www.angrusti.de/piroschka) an, wo kroatische, ungarische und deutsche Gerichte angeboten werden. Schon vorher waren in diesem Gebäude Gaststätten untergebracht. Nach ein paar Metern stehen wir an der Königsberger Straße. Diese überqueren wir und befinden uns an der Ecke Morgensternstraße. Dort betrachten wir ein 1983 aufgestelltes Eisendenkmal für die erste elektrische Straßenbahn der Welt (www.kuturfuehrer-berlin.de/index.php?hk=11&uk=47&b=16&pid=2044&e=4) von 1881 mit einer Reproduktion des ersten Fahrplanes. Hier war einst die Starthaltestelle des Verkehrsmittels, das auf einer 2,5 km langen Strecke bis zur Hauptkadettenanstalt (www.fami.oszbueroverw.de/finckenstein/ghaupt.html) fuhr und kostenlos die Kadetten beförderte. Ursprünglich war die Strecke eine Bahnlinie, die Baumaterial für die Militäranstalt transportierte. Ab 1890 fuhr die Straßenbahn bis zum Bahnhof Lichterfelde-West.

Jetzt gehen wir zurück zum eben genannten Bahnhof und treten dort mit der S-Bahn die Heimfahrt an.
 
Nützliche Hinweise   Jugendstilhaus Memling-/Holbeinstraße

Jugendstilhaus Memling-/Holbeinstraße
Bild: Astrid Hochörtler
Unsere Wanderung dauert insgesamt etwa zwei Stunden und eignet sich für Fußgänger, Gehbehinderte, Radfahrer und Kinder.   Fachwerkhaus Holbeinstraße

Fachwerkhaus Holbeinstraße
Bild: Astrid Hochörtler
    Modere Villa Holbeinstraße

Modere Villa Holbeinstraße
Bild: Astrid Hochörtler
    Fachwerkhaus Stockweg

Fachwerkhaus Stockweg
Bild: Astrid Hochörtler
    Ehmaliges Bauernhaus Stockweg

Ehmaliges Bauernhaus Stockweg
Bild: Astrid Hochörtler
    Carstennschlößchen

Carstennschlößchen
Bild: Astrid Hochörtler
    Treidelbahn

Treidelbahn
Bild: Astrid Hochörtler
Es bietet sich an, im Park-Café Rast zu machen.   Lilienthaldenkmal

Lilienthaldenkmal
Bild: Astrid Hochörtler
    Hintz-Villa Boothstraße

Hintz-Villa Boothstraße
Bild: Astrid Hochörtler
    Äthiopische Botschaft

Äthiopische Botschaft
Bild: Astrid Hochörtler
An jedem Sonntag kann man von 14 bis 18 Uhr im Nachbarschaftscafé der Villa Folke Bernadotte Frühstück, Kaffee und Kuchen genießen.   Villa Folke Bernadotte

Villa Folke Bernadotte
Bild: Astrid Hochörtler
    Villa von P. von Benhorn und Straumer

Villa von P. von Benhorn
und Straumer
Bild: Astrid Hochörtler
    Lichterfelder Staßenbahn 1881

Lichterfelder Staßenbahn 1881
Bild: Heimatverein Steglitz
 
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