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Fichtenberg - Spaziergang durch ein gediegenes Berliner Villenviertel
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Der Fichtenberg ist mit 68 Metern die höchste Erhebung von Steglitz. Der Name Steglitz setzt sich aus der Vorsilbe stygl (Berghang) und der Nachsilbe -ist (Siedlung) zusammen. Im 18. Jahrhundert hieß der Berg noch Weinberg, weil dort Reben angebaut wurden. Die Weinstöcke mussten der Bebauung weichen und wegen der gepflanzten Kiefern nannte man den Berg bis 1913 Kiefernberg. Die Gegend galt schon im 19. Jahrhundert als bevorzugte Wohnlage und zählt auch heute noch zu den gediegenen Berliner Villenvierteln. Durch die Erschließung ist der Berg als solcher heute kaum noch zu erkennen.
 

Tourbeschreibung

Wir beginnen unseren Spaziergang über den Fichtenberg an der Rothenburgstraße/Ecke Grunewaldstraße, einer Villenkolonie, die „Gelehrtenrepublik“ genannt wurde. Wir biegen links in die Rothenburgstraße ein und sehen auf der linken Straßenseite das Gemeindehaus der evangelischen Matthäuskirche, die 1880 als Ersatz für die zu kleine und baufällige Dorfkirche eingeweiht wurde. Die Baptisten hatten schon seit 1885 eine Kapelle in der Klingsorstraße, die während des zweiten Weltkrieges vollständig zerstört wurde. Ein neues Gotteshaus wurde 1956 in der Rothenburgstraße 12a-13 errichtet. Vorher stand hier die Villa der „Reichsfrauenführerin“ Scholz-Klinck. Als 1945 die Russen in die Stadt kamen, floh sie und ließ alles stehen und liegen. Die Dienstmädchen der benachbarten Häuser und anscheinend sogar die Pastoren der Matthäuskirche plünderten alles aus dem Nachlass der „Nazisse“.

Das Gelände Rothenburgstraße 12/Ecke Schmidt-Ott-Straße nutzt heute das „Institut für Ökologie“ der TU Berlin. 1873 baute der Bankier Theodor Henoch dort eine klassizistisch-spätbiedermeierliche Villa mit korinthischen Säulen. Im Herbst 1909 ließ die Witwe des Bankiers diese abreißen und ein neues Haus erbauen. An der Gartenanlage erkennt man den Einfluss des Lenné-Schülers Gustav Meyer. Während des Krieges kaufte die NSDAP das Gebäude und stellte es der SS zur Verfügung. Nach 1945 wurde das Grundstück von den Amerikanern genutzt und zu Beginn der 50er Jahre an das Land Berlin übergeben.

In der Rothenburgstraße 14 befindet sich seit 1877 das repräsentative Gebäude der Blindenanstalt, Johann-August-Zeune-Schule (www.blindenschule-berlin.de), welche Terrakottaornamente und Rundbögen über den Fenstern schmücken. Neben den Internatsräumen für 80 Zöglinge entstanden später ein Mädchen- und ein Männerheim nebst Seilerhaus, Spinnbahn und Kegelbahn. Porträts des Kaisers zierten damals die Schlafräume, obwohl die Bewohner die Bilder nicht sehen konnten. Der Förderung der Blindenbildung dient das Museum für Blindenunterricht, damals das Einzige seiner Art in Deutschland. 1992 wurde eine Spezialturnhalle für Blinde eingeweiht, deren Stahlskelett auf den Wirtschaftstrakt aufgesattelt wurde. Die turnenden Blinden können sich darin durch einen Schritte verstärkenden, Resonanzboden orientieren. Direkt neben der Blindenanstalt liegt das einzige Geschäft auf dem Fichtenberg, welches seit 1928 Korbwaren aus der Blindenwerkstatt anbietet.

In der Rothenburgstraße 18 wurde 1912 das „Kaiserin Auguste Viktoria-Lyzeum“ eröffnet, die heutige „Fichtenberg Oberschule“. Sie war die erste öffentliche höhere Mädchenschule in Steglitz und wurde ursprünglich am 19. April 1904 in der Plantagen- bzw. ab 1905 in der Florastraße bezogen. Hier konnten Mädchen erstmals die Reifeprüfung ablegen und dadurch Zugang zur Hochschule erlangen. Vor der Schule befindet sich ein Stolperstein (www.stolpersteine.com) der Schülerin Ruth Veit-Simon, geboren 1914, die 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde und dort 1943 verstarb.

Am Ende der Rothenburgstraße biegen wir rechts in die Straße Am Fichtenberg, wo sich seit 1920 die gleichnamige Gartenkolonie befindet. Auf der rechten Seite, Am Fichtenberg 10, steht ein Gebäude aus dem Jahr 1916, das früher Waisenhaus und später Kinderheim war. Am Haus sieht man eine Tafel, die auf die Stiftung hinweist. Eine Mosaikpflasterung mit Steglitzer Wappen ziert den Gehweg. Linker Hand erkennt man den Ruth-Andreas-Friedrich Park, eine versteckt gelegene, hügelige Anlage mit Liegewiese und zwei naturnahen Kinderspielplätzen, wo man im Winter gut rodeln kann. Vor der Bebauung hatte man von der oberen Plattform einen schönen Blick auf die Umgebung. Ende des 18. Jahrhunderts errichtete der Wanderverein deshalb hier eine Bank, die bald den Spitznamen „Seufzerbank“ hatte, wohl in Anspielung auf die Liebespaare. Im Park befindet sich ein Gedenkstein für die Autorin Ruth Andreas Friedrich und ein Denkmal für den Philosophie- und Pädagogikprofessor Friedrich Paulsen, nach dem das Gymnasium in der Gritznerstraße benannt ist. Die Straße Am Fichtenberg geht über in die Lepsiusstraße, die bis 1934 Fichtestraße hieß. Während der NS-Zeit wurde die Straße nach dem Ägyptologen und Erbauer des Ägyptischen Museums, Karl Richard Lepsius, benannt.

Im Haus 110 hat der Bund der Steuerzahler in Berlin e.V. (www.steuerzahler-berlin.de/go/start/index.php) seinen Sitz. Eine Tafel am Gebäude zeigt anschaulich die Gesamtverschuldung Berlins, den Schuldenzuwachs pro Sekunde und die Pro-Kopf-Verschuldung. Wir überqueren die Schmidt-Ott-Straße und finden in der Hausnummer 96 das „Haus Paulsen“ des Kantforschers Friedrich Paulsen, das 1886 erbaut und schon elf Jahre später umgebaut worden ist. An der Lepsiusstraße 86/Ecke Grunewaldstraße steht ein elegantes, grau gestrichenes, fast schon italienisch anmutendes Mehrfamilienhaus aus den Jahren 1872-1873, von dessen Turm man damals bis nach Potsdam sehen konnte.

Wir gehen zurück und biegen rechts in die Schmidt-Ott-Straße, früher Kaiser-Wilhelm-Straße, ein. An der Ecke Carl-Heinrich-Becker-Weg finden wir eine kleine Grünanlage, die nach dem Schauspieler Paul-Henckels benannt wurde. Der Gründer und erste Direktor des Schloßpark-Theaters wurde u.a. durch den Film „Die Feuerzangenbowle“ bekannt. In der Schmidt-Ott-Straße 14 steht die von Otto Techow 1884 erbaute „Villa Anna“. Der Erbauer benannte den verspielten Backsteinbau mit verwinkelten Türmchen nach seiner Frau Anna von Maltitz. Der Architekt entwarf u.a. das Steglitzer Gymnasium, mehrere Berliner Wassertürme, darunter auch 1886 den am Fichtenberg, der die Kolonie mit Wasser versorgte und zu ihrem Wahrzeichen wurde. Der Turm in der Schmitt-Ott-Straße 13 ist seit 1983 Wetterstation der Freien Universität.

Gegenüber der Techow-Villa steht ein heute schmuckloses Haus. Der 1831 geborene Bäckersohn und spätere „Dampfmühlenkönig“ Friedrich-Wilhelm Schütt erbaute die Villa 1873, wo sich die Gesellschaft des Fichtenbergs im weiträumigen Park oder den Festsälen traf. Im Zuge der „Entdekorierung“ in den fünfziger Jahren ließ man zunächst die Straßenfassade, dann auch die Portalfront abschlagen. Fensterumrandungen, Eckquader und der Marmoreingang sind der Renovierungswut dieser Zeit zum Opfer gefallen. Das Haus Schmidt-Ott-Straße 6 wurde 1874 für den Kaufmann Carl Degner gebaut. Das Grundstück erstreckte sich vor der Teilung bis zur Grunewaldstraße, auch dieses Haus sollte eigentlich abgerissen werden, ist glücklicher Weise erhalten geblieben und steht heute unter Denkmalschutz.

Ein Haus weiter, Schmidt-Ott-Straße 7a, sehen wir ein Einfamilienhaus aus dem Jahr 1935, der Bauherrin Esther Burmeister. Sie hatte von den Erben des „Dampfmühlenkönigs“ Schütt einen Teil des Grundstücks erworben und ließ sich dort eine eingeschossige Villa bauen, die mit ihrer verspielten Bauweise nicht dem Zeitgeist entsprach. Besonders erfreulich ist, dass der Schüttsche Zaun vor dem Haus erhalten blieb.

Im Landhaus Schmidt-Ott-Straße 12 wohnte der evangelische Theologe und Professor Julius Wilhelm Martin Kaftan, der 1883 einen Lehrstuhl an der Universität Berlin übernahm. Er war von 1904 bis 1925 Mitglied des Evangelischen Oberkirchenrates der altpreußischen Landeskirche und seit 1921 dessen geistlicher Vizepräsident. Kaftan, ein Studienfreund von Friedrich Nietzsche, hatte in der Schweiz unvergessliche Jahre verbracht, dort seine spätere Frau kennen gelernt und sich auf Anregung von Friedrich Paulsen hier niedergelassen. Der Architekt Jürgen Kröger, eigentlich Kirchenbaumeister, errichtete 1899/1900 ein typisches Schweizerhaus mit weit überhängendem Dach und prächtigen hölzernen Galerien.

Wir gehen links in die Arno-Holz-Straße, wo neben alten Villen auch einige Neubauten stehen. Man kann trotzdem auch hier den Charme der einstigen Villenkolonie noch erahnen. Im Haus Arno-Holz-Straße 6, früher Schillerstraße 2, wohnte der Preußische Kultusminister Carl-Heinrich Becker. Es wurde 1904 für den Geheimen Oberregierungsrat Bernhard Würmeling und seine kinderreiche Familie gebaut. Sein Sohn Franz-Josef Würmeling war von 1952 bis 1963 Familienminister der Bundesrepublik. Der nächste Bewohner war der Staatsrechtlehrer Carl Schmitt, Professor in Greifswald, Bonn, Köln und von 1933 bis 1945 an der Berliner Universität. Als Gegner von Liberalismus und Demokratie war er an der Grundlegung des Staatsrechts der Nazidiktatur beteiligt.
Das Haus Arno-Holz-Straße 10 bewohnte die Künstlerin und Professorin Renée Sintenis, bekannt als Tierbildhauerin. Das „große grasende Fohlen“ auf dem nach ihr benannten Platz in Berlin-Schöneberg und der bronzene „Berliner Bär“ am Zehlendorfer Autobahnkleeblatt erinnern an sie. Pferdedarstellungen nehmen einen großen Raum in ihrem Werk ein; Zeitgenossen erinnerten sich an ihre morgendlichen Ausritte im Tiergarten und die anschließenden Caféhausbesuche am Kurfürstendamm - im Reitdress. Ab 1954 wurde das Gebäude als Jugendheim genutzt. Das 1903 erbaute Haus „Schmidt-Ott“ in der Arno-Holz-Straße 11 wurde vom Preußischen Kultusminister Friedrich Schmidt-Ott bewohnt. „Solange es dieses Haus gibt, lebt auch der alte Fichtenberg“, sagt Andreas Grothusen in seinem Buch „Die dort droben“. Das Haus ist eine Kostbarkeit geworden, fast unversehrt von den Kriegen und gerahmt von Fichten, die älter sind als es selbst.

Das „Alexander-von-Humboldt-Haus“ der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, wurde 1967 in der Arno-Holz-Straße 14 eröffnet. Dies Gebäude und auch das Landhaus Arno-Holz-Straße 16, 1929 von Bruno Schneidereit gebaut, bilden mit ihrer modernen, klaren Bauweise einen deutlichen Kontrast zu den benachbarten Gründerzeitvillen.

Wir gehen zurück und biegen links in die Schmidt-Ott-Straße ein. An der Hausnummer 11a befindet sich das 1907 erbaute so genannte „Endellsche Haus“. Es zeigt Jugendstileinflüsse; die Haustür schmücken eine Eule und das Familienwappen der zweiten Besitzerin Baronin Agnes von Langen. Hier wohnte in den dreißiger Jahren der Pfarrer Otto Dibelius, der als Mitglied der „Bekennenden Kirche“ die Nazidiktatur bekämpfte und von 1949-1961 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands war.

Wer noch Lust hat, geht die Schmidt-Ott-Straße zurück und begegnet auf dem Stück zwischen Lepsiusstraße und Rothenburgstraße u. a. den Spuren von Bully Buhlan. In der Nummer 17 wohnte die Schauspielerin Rotraut Richter mit ihrem Vater, dem Architekten Erich Richter, der es 1932 erbaute. Nachdem seine Tochter mit 32 Jahren an den Folgen einer Blinddarmoperation verstorben war, lebte er noch viele Jahre in dem Haus. Später übernahm der Schlagerstar der fünfziger Jahre, Bully Buhlan, das Haus und zog dort mit Frau, Schwiegermutter, Pudel und Porsche ein. Trauben von „Backfischen“ standen täglich vor dem Gartenzaun. Bisweilen erschien der Schwarm auf dem winzigen Austritt im Obergeschoss und sang a capella seine Erfolge. Sein Feuerwerk an Silvester war das schönste auf dem Fichtenberg. Jahre nach seinem Auszug wurde das Haus zum Verkauf angeboten, für ihn inzwischen jedoch unerschwinglich geworden. Schmidt-Ott-Straße 21 steht ein Haus aus dem Jahre 1873 - heute ein Villen- und Gartendenkmal. Erbaut wurde es für ein Ehepaar Namens Mancke, das noch während der Bauzeit verstarb und es ihrem Sohn Paul vermachte, der als erster Steglitzer Standesbeamte zu einem bekannten Mann im Dorf wurde.

Nun endet unser Spaziergang über den Fichtenberg, der uns neben den Villen auch einige der ehemaligen Bewohner näher gebracht hat.

 
Nützliche Hinweise    Matthäuskirche

Matthäuskirche
Bild: Sabine Klaedtke
Der Spaziergang dauert ca. 1,5 Stunden und ist, bis auf den Park Am Fichtenberg, für Rollstuhlfahrer geeignet.    Baptisten Kirche

Baptisten Kirche
Bild: Sabine Klaedtke
     Fichtenberg-Oberschule

Fichtenberg-Oberschule
Bild: Sabine Klaedtke
Das Blinden-Museum
ist Mi. 15-18 Uhr und nach Anmeldung geöffnet
Tel.: 90 299 - 20 23
Eintritt frei
   August-Zeune-Schule

August-Zeune-Schule
Bild: Sabine Klaedtke
     Mosaik

Mosaik
Bild: Sabine Klaedtke
     Ruth-Andreas-Friedrich Park

Ruth-Andreas-Friedrich Park
Bild: Sabine Klaedtke
     Paulsen Denkmal

Paulsen Denkmal
Bild: Sabine Klaedtke
     Haus Paulsen

Haus Paulsen
Bild: Sabine Klaedtke
     Grunewald- / Ecke Lepsiusstraße

Grunewald- / Ecke Lepsiusstraße
Bild: Sabine Klaedtke
     Villa Anna

Villa Anna
Bild: Sabine Klaedtke
     Wasserturm

Wasserturm
Bild: Sabine Klaedtke
     Schmidt-Ott-Strasse 7a

Schmidt-Ott-Strasse 7a
Bild: Sabine Klaedtke
     Schweizer Haus

Schweizer Haus
Bild: Sabine Klaedtke
     Blick auf den Botanischen Garten

Blick auf den Botanischen Garten
Bild: Sabine Klaedtke
     Blick in die Arno-Holz-Straße

Blick in die Arno-Holz-Straße
Bild: Sabine Klaedtke
     Arno-Holz-Straße, Blick Zeunepromenade

Arno-Holz-Straße, Blick Zeunepromenade
Bild: Sabine Klaedtke
     Endelsches Haus

Endelsches Haus
Bild: Sabine Klaedtke
 
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