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Die ehemalige Exklave Steinstücken
Tour 12 Karte

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Dieser Ausflug führt uns zu der ehemaligen Exklave Steinstücken und endet im Ortskern von Stölpchensee. In den 20-er Jahren entstand auf dem Gebiet von Steinstücken eine Kolonie mit großzügigen Landhäusern, von denen einige noch gut erhalten sind. Man entdeckt außerdem noch unter Denkmalschutz stehende Lehmbauten aus dem 18. Jahrhundert. Berühmt wurde Steinstücken als einzige, ständig bewohnte Exklave West-Berlins. 1951 versuchte die DDR das Stück Land zu annektieren, stieß jedoch auf heftigen Widerstand der Bewohner. Nach Intervention der US-Alliierten lenkte die DDR-Regierung ein. Seitdem wurde Steinstücken durch eine Postenreihe abgeriegelt. Enstprechend seiner Verwaltungszugehörigkeit zum Bezirk Zehlendorf stand Steinstücken nach Kriegsende unter amerikanischer Verwaltung. Nach dem Mauerbau 1961 war die Exklave nur über einen von der DDR kontrollierten Zugang erreichbar.
  Tourbeschreibung

Unser Rundgang beginnt im alten, historischen Teil von Steinstücken. Wir fahren vom S-Bahnhof Wannsee mit dem 118er Bus bis zur Haltestelle Stahnsdorfer Brücke, biegen von der Bernhard-Beyer-Strasse links in den Johann-Niemeyer-Weg und gehen bis zum Malergarten 6-16. Auf dem Grundstück sehen wir eine Lehmkate, rechts steht ein verfallener Lehmschuppen. Beide Gebäude stehen unter Denkmalschutz.

Die Exklave Steinstücken entstand im Jahr 1787 durch Landerwerb außerhalb der Dorfgrenzen. Um 1800 gab es dort zwei Büdner, die gegenüber Vollerwerbsbauern nur eine kleine Feld- und Viehwirtschaft betrieben. Sie hatten Vergünstigungen bei der Pacht und besaßen meist ein kleines Haus. Nach 1824 lebten zehn Familien in Steinstücken.

Zurück auf dem Johannes-Niemeyer-Weg halten wir uns rechts und erreichen über einen kleinen Weg das Grundstück Nr. 12a. Hier ist ein seltenes Exemplar früher Pisé-Bauten zu bewundern. Bei dieser Bauweise wurde Stampflehm in Schalungen eingebracht und verdichtet. Der ursprüngliche Bau entstand 1834/1835, ein erster Anbau erfolgte 1870 und 1875, der zweite Anbau 1900. Die jetzigen Eigentümer haben das unter Denkmalschutz stehende Gebäude liebevoll restauriert und hier ein bezauberndes Kleinod geschaffen. Wir folgen dem Johnnes-Niemeyer-Weg und entdecken Nr. 16, eine Lehmkate, erbaut 1872 von Mangelsdorff. Der verfallene Stall wurde 1874 errichtet. Der berühmte Gasthof „Zum Taubenschlag“ mit großem Garten befand sich in der Nr. 18. Zu Mauerzeiten beliebtes Ziel für den „Grenztourismus“, legten die zahlreichen Besucher hier gern eine Pause bei Hausmannskost, Kaffee und selbstgebackenem Kuchen ein. Auf dem Grundstück Nr. 20 sehen wir ein Wohnhaus von 1872, gebaut von H. Weiss und August Tietze.

Anfang 1900 kaufte Bernhard Beyer, der damalige Ortsälteste von Kohlhasenbrück, zusätzlich zu der von seinem Onkel Heinrich Beyer ererbten Landwirtschaft weiteres Land, entwarf einen Bebauungsplan und legte Zufahrtstraßen an. So entstand nach 1918 die Kolonie Steinstücken mit großzügigen Landhäusern. Bei der Bildung Groß-Berlins 1920 wurde die Gemeindegrenze von Wannsee zur äußeren Stadtgrenze Berlins und damit Steinstücken zur Berliner Exklave.

Wieder auf der Bernhard-Beyer Strasse erreichen wir rechts das Haus Nr. 1-2, gebaut von Bruno Buch für sich und seine Familie in den Jahren 1918/1919. Buch ist bekannt geworden durch den Bau von mehr als 100 Industrieanlagen.

Auf der gegenüber liegenden Seite sehen wir ein Wohnhaus mit der Nr. 12. Der bekannte jüdische Architekt Erich Mendelsohn entwarf dieses zweigeschossige Landhaus in kubischer Form 1926 für den Arzt Dr. Curt Bejach. Die Fassade ist im Wechsel mit Putz- und Ziegelschichten gestaltet. Das Gebäude gilt als eines der schönsten Landhäuser Berlins der zwanziger Jahre. Durch eine lange bewachsene Pergola ist das Haus von der Straße uneinsehbar. Hier wurden 1930 Teile des Films „Die drei von der Tankstelle“ mit Heinz Rühmann und Lilian Harvey gedreht. Dr. Bejach ist am 31.10.1944 in Auschwitz gestorben, daran erinnert ein Stolperstein vor dem Haus.

Das Haus Nr. 10 wurde 1921 erbaut und diente den Amerikanern nach dem Mauerbau am 13.8.1961 als Unterkunft für die dort stationierten Soldaten. Hier war die Verwaltungsstelle des Bezirksamtes Zehlendorf und Sitz des Bürgermeisters von Steinstücken.

Nun gehen wir zurück über die Brücke, biegen in die Stahnsdorfer Straße und dann links in die Teltower Straße ein. Diese Brücke stellte bei der neuen Grenzziehung eine Besonderheit dar. Weil die darunter liegenden Gleise der DDR gehörten, lehnte sie eine Gebietsübertragung ab. Das Territorium unter der Brücke und der Boden verblieben bei der DDR, die Brücke und der Luftraum darüber wurden West-Berlin zugesprochen.

Gleich links sehen wir eine Villa von Architekt Carl Cramer, erbaut 1921/1922. Am Ende der Straße erreichen wir den damaligen Hubschrauber-Landeplatz, an den ein 1977 aus zwei Rotorenblättern gefertigtes Denkmal erinnert. Damals wurde Steinstücken zum Ziel vieler Fluchtwilliger, weil dort nur so genannte Spanische Reiter den Weg in die Freiheit versperrten. Nachdem hier mehr als 20 Grenzsoldaten in den Westen geflohen waren, ließ die Regierung der DDR das Areal abriegeln. Steinstücken wurde dadurch zur Insel. Nach einem Hubschrauber-Besuch General Clays wurde 1961 ein ständiger US-Militär-Posten eingerichtet. Die Soldaten wurden per Helikopter eingeflogen. Um Steinstücken herum wurde erst 1964 eine feste Betonmauer errichtet.

Im Rahmen des Berlin-Abkommens von 1971 trat die DDR einen 20 Meter breiten und einen Kilometer langen Gebietsstreifen zwischen Steinstücken und Kohlhasenbrück an West-Berlin ab. Steinstücken wurde so auch räumlich ein Teil West-Berlins. Nach dem Gebietsaustausch wurde 1973 eine asphaltierte Straße gebaut und eine Buslinie bis in den Ort verlängert. Da die Grenze auf beiden Seiten dieser Straße verlief, war die Zufahrt nach Steinstücken wie ein schmaler Korridor beidseitig von der Mauer begrenzt.

Nach dem Mauerfall hat sich das Leben des Ortes normalisiert und wieder wie vor 1945 stärker nach Babelsberg und Potsdam ausgerichtet. Steinstücken ist heute eng bebaut und als Exklave nicht mehr zu erkennen. Die Einwohnerzahl hat sich auf 400 verdoppelt.

Wieder auf der Stahnsdorfer Straße sehen wir an der Ecke Rot-Kreuz-Straße das Gelände des ehemaligen Erdmannshofes. Der Berliner Bildhauer Erdmann Encke ließ 1894 ein Wohnhaus und ein Atelier für sich und seine Familie errichten. In den 1920er Jahren arbeiteten hier der Architekt Peter Behrens, Le Corbusier, Mies van der Rohe und Walter Gropius. Der Erdmannhof wurde im Krieg zerstört und 1989 abgerissen. Das Gelände wurde parzelliert und es entstand ein Neubaugebiet mit Einfamilienhäusern.

Wir verlassen Steinstücken mit dem 118er Bus von der Haltestelle Stahnsdorfer Brücke bis zur Kirche am Stölpchensee, Wilhelmplatz 1. Oberhalb des Sees, im ehemaligen Dorf Stolpe, wurde 1858/59, am Standort der alten Dorfkirche, die heutige Kirche am Stölpchensee erbaut. Der preußische Baumeister August Stüler erstellte die Baupläne nach Ideen von König Friedrich Wilhelm IV. Kirchturm und Langhaus sind aus gelben Ziegel- und Backsteinen gefertigt. Im Zweiten Weltkrieg wurden die alten Glocken zu Rüstungszwecken eingeschmolzen. Seit 1958 erklingt stündlich ein mechanisches Glockenspiel aus 18 Glocken. Heute steht die Kirche unter Denkmalschutz; die Inneneinrichtung von Stüler ist erhalten.

Nach dem Besuch der Kirche bietet sich das seit 1920 bestehende Ausflugslokal „Pavillon Stölpchensee“, Kohlhasenbrücker Str.20, für eine Stärkung an. Bei schönem Wetter hat man von der Gartenterrasse einen herrlichen Blick auf den See.

Für Kulturhungrige lohnt sich eine Rast in der Galerie Mutter Fourage, Chausseestraße 15a. Dazu verlassen wir den Bus 118 an der Station Charlotten-/Chausseestraße. Der über 100 Jahre alte Hof war einst Futtermittelgeschäft, später Kartoffelhandel. 1977 entstand hier ein Kulturzentrum. In Galerie und Scheune finden wechselnde Ausstellungen, klassische Konzerte, Lesungen und Theaterstücke statt. Auf dem Hof wurden im Laufe der Jahre ein Naturkostkostladen, eine Gärtnerei und ein Hofcafé eingerichtet. Das mediterrane Ambiente des Hofes lässt im Sommer Urlaubsstimmung aufkommen und ist zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert.

Unser Ausflug endet am S-Bahnhof Wannsee. Wer noch Zeit und Lust hat, kann mit dem 118er Bus eine interessante halbstündige Fahrt durch den besonders reizvollen Teil des Bezirks, vorbei an schönen Plätzen und Gebäuden bis zum Rathaus Zehlendorf machen und hier in die S-Bahn umsteigen.
 
 Luftbild Steinstücken

Luftbild Steinstücken
Bild: Heimatverein Steglitz
Nützliche Hinweise

Anfahrt:
S-Bahn Wannsee
Bus 118, tägl. alle 20 Minuten.

Unsere Tour dauert ca. 2 Stunden
und ist auch für Rollstuhlfahrer geeignet.
   Lehmhaus Johannes-Niemeyer-Weg 12a

Lehmhaus
Johannes-Niemeyer-Weg 12a
Bild: Sabine Klaedtke

 Johannes-Niemeyer-Weg 12a

Johannes-Niemeyer-Weg 12a
Bild: Sabine Klaedtke

 Pergola Bejach Haus

Pergola Bejach Haus
Bild: Sabine Klaedtke

 Bejach Haus

Bejach Haus
Bild: Sabine Klaedtke

 Stolperstein

Stolperstein
Bild: Sabine Klaedtke

 Verwaltungsstelle Bezirksamt Zehlendorf

Verwaltungsstelle Bezirksamt Zehlendorf
Bild: Sabine Klaedtke

 Villa des Architekten Carl Cramer

Villa des Architekten Carl Cramer
Bild: Sabine Klaedtke
Filmische Eindrücke zur damaligen Grenzanlage finden Sie unter www.youtube.com,
Stichwort: Steinstücken
und www.home.pages.at/maxifant/
Frames/berlin-entklaven.php


   Spanische Reiter

Spanische Reiter
Bild: Privatbesitz Heike Behrendt
     Denkmal Hubschrauberlandeplatz

Denkmal Hubschrauberlandeplatz
Bild: Sabine Klaedtke
     Erdmannshof

Erdmannshof
Bild: Heimatverein Steglitz
Kirche am Stölpchensee
Tel: 805 16 50
Öffnungszeiten:
11-19:30 Uhr,
Führungen 13-18 Uhr jede Stunde
So 10 Uhr Gottesdienst,
Bus 318, 118
   Kirche am Stölpchensee

Kirche am Stölpchensee
Bild: Kulturring in Berlin e.V.
Restaurant Pavillon Stölpchensee
Tel: 805 10 41
Öffnungszeiten: täglich
Sommer 9-24 Uhr
Winter Di-So 11-24 Uhr
Zugang für Rollstuhlfahrer
nur eingeschränkt möglich.
   Ausflugslokal Pavillon Stölpchensee

Ausflugslokal
„Pavillon Stölpchensee“
Bild: Kulturring in Berlin e.V.
Galerie Mutter Fourage
Tel: 805 23 11
Öffnungszeiten:
Do-Fr 14-18 Uhr,
Sa, So 12-17 Uhr
und nach Vereinbarung
Eintrittspreise für Lesungen, Kindertheater, Konzerte bitte tel. erfragen.
   Galerie Mutter Fourage

Galerie Mutter Fourage
Bild: Kulturring in Berlin e.V.
 
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