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Bruderbund mit Winkelmaß und Zirkel

Spuren von Freimaurern im Geschäftszentrum von Steglitz
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Die Freimaurer sind eine demokratisch strukturierte Vereinigung von Männern, die die Brüderlichkeit, Nächstenliebe und Toleranz unter den Menschen verwirklichen und pflegen möchten. Ihre Aufgabe besteht darin, das Individuum ethisch-moralisch und sozial zu vervollkommnen. Das Motiv der Entstehung von Freimaurerlogen ist die Überwindung politischer, nationaler, sozialer und religiöser Gegensätze, die einem Menschheitsbund im Wege stehen. Die heutige Freimaurerei hat ihre Ursprünge in den Steinmetzbruderschaften des Hoch- und Spätmittelalters, insbesondere in England, von wo aus sie sich seit 1717 auf dem europäischen Kontinent und in Übersee ausbreitete. Der Suchende durchläuft in der Loge (Versammlungs- und Arbeitsort der Brüder) Erkenntnisgrade vom Lehrling über den Gesellen bis zum Meister, d.h. er bearbeitet sich symbolisch mit Werkzeugen von einem rauen Stein zu einem kubischen Block. Zu den Hauptsymbolen zählen die Bibel, der Zirkel und das Winkelmaß. Die Bibel ordnet und richtet den Glauben. Der Zirkel als Symbol der Nächstenliebe reguliert mit seinen beiden Schenkeln, die für Gut und Böse stehen, das wohlwollende Verhältnis zwischen den Menschen. Gerechtigkeit und gewissenhaftes Handeln soll das Winkelmaß ausdrücken. In Deutschland existiert diese geistige Strömung seit 1737, in Berlin seit 1740.

Die Geschichte der Freimaurer in Steglitz ist im Gegensatz zu der der Juden wenig bekannt. Dennoch lassen sich von ihnen in diesem Stadtteil noch Spuren finden. Unsere Route verläuft vom Steglitzer Gutshaus in der Schloßstraße bis zur Albrechtstraße, wo einst ein Logenhaus stand.
  Tourbeschreibung

Wir beginnen die Spurensuche am Steglitzer Gutshaus in der Schloßstraße. Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs nach der Reichsgründung siedelten sich Mitglieder Berliner Freimaurerlogen in der Landgemeinde Steglitz an und gründeten 1885 im ersten Stock des damaligen Schlossrestaurants eine geschlossene freimaurerische Vereinigung mit dem Namen Bruderbund am Fichtenberg. Die Bezeichnung leitet sich vom nahe gelegenen Fichtenberg her. 25 Freimaurer verschiedener Logen trafen sich dort einmal im Monat ohne Logenkleidung und Ritual zum Austausch freimaurerischen Gedankengutes und zur Planung von Kulturveranstaltungen und karitativen Tätigkeiten. Ein Jahr später entstand im Gutshaus die gleichnamige Bruderschaft, die als Tochterloge der Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ (www.3wk.org), einer preußischen Großloge, unterstand. Die christlich orientierte preußische Freimaurerei betonte die Verantwortlichkeit des Menschen und die Unsterblichkeit der Seele als Postulate der Vernunft und Jesus Christus als Schlussstein des Bauwerks der Menschheit. Im Obergeschoss entstanden nach Plänen des Logenmitglieds und Steglitzer Architekten und Baurats Otto Techow (1848-1919), der so genannte Arbeitstempel, dem sich eine Sänger- und Orgelempore anschloss, ein Empfangsraum für die Logenbrüder und eine Vorbereitungskammer für neue Mitglieder.

Vorbei am Gutshaus biegen wir nach links in die Wrangelstraße ein, und gehen den Fichtenberg hoch. In den Hausnummern 6-7 erblicken wir ein christliches Kinderheim an der Stelle, wo früher eine jüdische Blindenanstalt war. Am Straßenende biegen wir rechter Hand in die Rothenburgstraße ein. Nach einigen Metern schlagen wir wieder in linker Richtung unseren Weg in die Schmidt-Ott-Straße ein und überqueren dabei den Paul-Henckels-Platz. Dahinter schauen wir nach links und entdecken in der Hausnummer 14 einen roten Klinkerbau mit einem spitzen, schieferbedeckten Turm, die „Villa Anna“, die Otto Techow im Jahre 1884 für sich als Wohnhaus erbaute. Techow zählte zu den Mitstiftern der Loge Bruderbund am Fichtenberg (www.3wk.org) und war ihr langjähriger Stuhlmeister (Vorsitzender). Rechts neben der Villa sehen wir in der Hausnummer 13 ein weiteres Bauwerk mit Kuppel von ihm aus dem Jahre 1886. Es handelt sich um einen 40 m hohen Wasserturm aus rotem Backstein, der heute vom Meteorologischen Institut der Freien Universität als Wetterturm genutzt wird.

Wir gehen bis zum Ende der Schmitt-Ott-Straße und schlagen unseren Weg nach rechts in die Grunewaldstraße ein, die wir überqueren. Nun bewegen wir uns auf der linken Straßenseite. Kurz vor der Ecke Lepsiusstraße können wir das Haus Nr. 13 sehen, in dem der Schriftsteller Franz Kafka 1923/24 wohnte und heute eine Gedenktafel an ihn erinnert. Danach biegen wir nach links in die Lepsiusstraße. Wir erreichen die Ahornstraße, in die wir unseren Weg nach rechts einschlagen und zur Hausnummer 15a kommen. Die zweistöckige Villa mit einem angefügten Frontbau, durch den man sie betritt, war von 1946 bis 1957 der Sitz der „Großen National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln“. Am Dachfries können wir in goldenen Großbuchstaben die Inschrift „Humanitati“ (der Menschlichkeit verpflichtet) lesen. Im ersten Stock waren Rundbogenfenster, die jetzt zugemauert sind. In der Weimarer Republik beherbergte das Gebäude eine Gaststätte, in der es zu gewaltsamen politischen Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten kam. Zur Zeit des Dritten Reiches befand sich dort eine SS-Motorstaffel, die das Gebäude dem Verfall preisgab. Nach Kriegsende quartierten sich dort sowjetische und später amerikanische Soldaten ein. Die Bruderschaft führte für die Reaktivierung des Logenlebens die notwendigen Umbauarbeiten durch. Jedoch konnten die Logen im Haus nur auf engem Raum arbeiten. Nach dem Umzug der Großloge in eine Villa in der Heerstraße in Berlin-Charlottenburg entstand im Jahre 1960 im Gebäude als Einrichtung des Berliner Jugendclub e.V. (www.berlinerjugendclub.de) die Jugendtanzbar „Jazz Saloon“. Seit 1967 trägt sie als preiswerte Jugenddiskothek den Namen „Pop Inn“.

Wir durchqueren die Straße bis zur Schloßstraße. In diese biegen wir nach rechts ein und bleiben auf der rechten Straßenseite. Hinter der Ecke Muthesiusstraße gelangen wir zur Hausnummer 32. In diesem Mietshaus lebte und praktizierte der jüdische Arzt und Freimaurer Albert Zander, der Mitglied mit Schriftführerfunktion in der Loge „Hammonia zur Treue“ war, die vor 1933 viele Juden aufnahm und noch bis heute in der Emser Straße in Berlin-Wilmersdorf arbeitet. Die humänitäre Freimaurerei verfocht das reine Menschentum, das sich im allein von der Vernunft geleiteten Handeln und in der Glaubens- und Denkfreiheit äußert. Heute gehört die „Hammonia“ zur Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (www.freimaurerei.de). Als Wundarzt und Geburtshelfer genoss Zander in Steglitz einen guten Ruf. Er besuchte als Mitglied der Jüdischen Gemeinde von Steglitz regelmäßig den Gottesdienst in der Wolfenstein-Synagoge in der Düppelstraße 41.

Wir gehen die Schloßstraße bis zur nächsten Straßenkreuzung und kommen linker Hand zum Hermann-Ehlers-Platz mit der Spiegelwand. Auf Höhe der Spiegelwand steht in der Düppelstraße 41 ein modernes Geschäftshaus, in dessen Hinterhof sich noch das alte Gebäude der Wolfenstein-Synagoge befindet. Nachdem wir den Platz hinter uns gelassen haben, erreichen wir die Brücke der Stadtautobahn. An dieser Stelle befand sich Albrechtstraße 130 mit einem kriegszerstörten Mietshaus, in dem das Gasthaus zur Krone untergebracht war. In diesem Gebäude hatte der jüdische Hals-Nasen-Ohren-Arzt Ernst Salomon seine Wohnung und Praxis. Wie Albert Zander war er ebenfalls Freimaurer in der Loge „Hammonia zur Treue“, wo er das Amt des Redners bekleidete. Er emigrierte vor dem Zweiten Weltkrieg in die USA.

Wir unterqueren die Autobahnbrücke, danach die S-Bahnbrücke. Gleich dahinter biegen wir nach links in die Robert-Lück-Straße ein, die entlang der S-Bahnstrecke führt. Diese gehen wir bis zum Ende, dann schließt sich die Bergstraße an. Dort befindet sich in der Nummer 91, einem dreistöckigem Bau aus rotem Backstein mit Eisenornamenten, die seit 1908 existierende Umzugsfirma „Kopania und Co. Berlin“. Der Unternehmensgründer Otto Kopania war Mitglied der Berliner Freimaurerloge „Zu den drei goldenen Schlüsseln“ (gestiftet 1769), einer der ältesten Logen Berlins und Preußens, die zur Zeit wegen zu geringer Personenzahl ruht und der christlich orientierten Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland (www.freimaurerei.de) unterstand. Als stellvertretender Zeremonienmeister beaufsichtigte Kopania die Logenarbeit und empfing die neu aufzunehmenden und besuchenden Brüder.

Vorbei am Steglitzer Stadtbad, dem Nachbargebäude der Firma, kommen wir zu einer Kreuzung und biegen nach rechts in die Filandastraße ein. Bald sehen wir schräg gegenüber den Althoffplatz, auf dem noch zwei vom Seidenfabrikanten Heese gepflanzte Maulbeerbäume stehen. Nach links biegen wir in die Wuthenowstraße ein. In der Hausnummer 2 wohnte Ernst Jaeckh (1875-1959), politischer Publizist und Dozent an der Deutschen Hochschule für Politik. Er war Freimaurer in der Berliner Loge Urania zur Unsterblichkeit (www.loge-urania.de), die er 1924 wieder verließ, weil er die nationalistischen Tendenzen in der deutschen Freimaurerei ablehnte. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte er sich für die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund ein. Zu Beginn der NS-Herrschaft emigrierte er nach Großbritannien.

Wir drehen wieder um in Richtung Althoffplatz, über den wir auf die Althoffstraße gelangen. Während wir diese bis zum Ende gehen, entdecken wir im Bürgersteig vor dem Haus Nr. 1 einen Stolperstein (www.stolpersteine.com), der an den 1942 nach Auschwitz deportierten Juden Leon Leib Fichmann erinnert. Nun betreten wir in linker Richtung die Heesestraße, die uns zur Albrechtstraße führt, die wir nach links einbiegen. In der Hausnummer 112a finden wir eine Tankstelle. Früher stand hier das Haus der Loge „Bruderbund am Fichtenberg“. Erbaut wurde das Logenhaus als zweistöckiger Klinkerbau mit viereckigem Turm von Otto Techow in den Jahren 1893/94. Der Neubau wurde notwendig, als im Gutshaus die Räumlichkeiten für die auf 136 Mitglieder angewachsene Loge zu klein wurden. Ein Logenmitglied namens Lademann stellte dafür sein gesamtes Gartengrundstück zur Verfügung. Der Architekt, Berliner Regierungsbaumeister und Freimaurer Georg Lübke hatte großen Anteil am Bau und der Ausschmückung des Logenhauses. Es hatte Rosettenfenster, die Decken der Räume waren teilweise mit gotischen Deckenbögen gestaltet. In der oberen Etage im hinteren Teil des Gebäudes fand die Logenarbeit statt, einem großen, blau gefassten, klassizistisch gestalteten Arbeitstempel, der mit einer Orgelempore ausgestattet war. Hinter dem Altar, an dem der Stuhlmeister Platz nahm, stand eine Büste von Techow. An der Fassade zierte ein sechszackiger Stern, das Symbol der Allmacht Gottes und des Meisters, das Fenster des Tempels. Die unteren Räume wurden als Restaurant genutzt, in das auch die Bevölkerung einkehren konnte. Bis in die 20er Jahre wuchs die Bruderschaft auf 328 Mitglieder an. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten musste sich der „Bruderbund am Fichtenberg“ wie alle anderen deutschen Logen im Jahre 1935 auflösen. Die Loge war auch gezwungen, ihr Haus mit Garten zu verkaufen. Die Käuferin war Klara Rohrbeck, die Eigentürmerin des benachbarten, braunen Backsteinhauses, das heute ein Reifengeschäft beherbergt, in der Albrechtsstraße 113. Somit wurde eine Verwendung des Anwesens durch die Nationalsozialisten verhindert. Im Zweiten Weltkrieg fiel das Logenhaus in Schutt und Asche. Vom ehemaligen Logengrundstück existieren nur noch einige alte Linden. Heute sitzt die Bruderschaft in der Heerstraße in Berlin-Charlottenburg.

Hiermit beenden wir unsere Spurensuche im Steglitzer Geschäftszentrum. Eine weitere Tour „Auf den Spuren von Freimaurern“ führt uns nach Zehlendorf, wo wir auf den Namen Goethe treffen.
 
Nützliche Hinweise

Unsere Wanderung ist für Spaziergänger, Radfahrer und Gehbehinderte geeignet und dauert ca. 90 Minuten.
   Wrangelschlößchen

Wrangelschlößchen
Bild: Astrid Hochörtler

 Bruderbund am Fichtenberg (Siegel)

Bruderbund am Fichtenberg (Siegel)
Bild: Privatbesitz Jens Leder

 Freimaurer Otto Techow

Freimaurer Otto Techow
Bild: Heimatverein Steglitz

 Villa Anna

Villa Anna
Bild: Jens Leder

 Logenhaus Ahornstraße 15a

Logenhaus Ahornstraße 15a
Bild: Jens Leder

 Drei Weltkugeln (Logensiegel)

Drei Weltkugeln (Logensiegel)
Bild: Privatbesitz Jens Leder

 Schloßstraße 32

Schloßstraße 32
Bild: Jens Leder

 Hammonia zur Treue (Siegel)

Hammonia zur Treue (Siegel)
Bild: Privatbesitz Jens Leder

 Albrechtstraße 130 im Jahr 1907

Albrechtstraße 130 im Jahr 1907
Bild: Heimatverein Steglitz

 Umzugsfirma Kopania

Umzugsfirma Kopania
Bild: Jens Leder

 Zu den drei goldenen Schlüsseln (Siegel)

Zu den drei goldenen Schlüsseln (Siegel)
Bild: Privatbesitz Jens Leder

 Haus Wuthenowstrasse 2

Haus Wuthenowstraße 2
Bild: Jens Leder

 Stolperstein Althoffstrasse 1

Stolperstein Althoffstraße 1
Bild: Jens Leder

 Logenhaus Albrechtstrasse 112a

Logenhaus Albrechtstraße 112a
Bild: Privatbesitz Jens Leder

 Logenrestaurant

Logenrestaurant
Bild: Heimatverein Steglitz

 Albrechtstrasse 113

Albrechtstraße 113
Bild: Jens Leder
 
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