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Schauspielerinnen und Wissenschaftlerinnen in Dahlem
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Diese Tour führt uns durch den Ortsteil Dahlem auf die Spur von berühmten Frauen, Schauspielerinnen, Sängerinnen und Wissenschaftlerinnen, die hier gelebt haben. Der Villenbezirk Dahlem ist einerseits eine ruhige Wohngegend, die vor allem den Begüterten einen Rückzugsraum bietet, und andererseits befinden sich hier zahlreiche hochrangige Wissenschaftseinrichtungen, darunter das Gelände der Freien Universität Berlin. Da es hier im Krieg auch Zerstörungen gab, sind einige Häuser der genannten Frauen nicht mehr im Original erhalten.
  Tourbeschreibung

Unsere Tour beginnt am U-Bahnhof Podbielskiallee, den wir in Richtung der Straße Im Dol verlassen. Wir gehen dort entlang bis zur Miquelstraße, der wir bis zur Bernadottestraße folgen. In der Nummer 74 finden wir das Haus der Schauspielerin Henny Porten (1890-1960). Sie war eine Galionsfigur des deutschen Stummfilms (1921 Geier-Wally) und gründete schon 1919 ihre eigene Produktionsfirma, die 1923 bankrott ging. Als der Tonfilm aufkam, konnte sie ihre Karriere fortsetzen, wurde jedoch von den Nazis in kleinere Rollen gedrängt, da sie die Scheidung von ihrem jüdischen Ehemann verweigerte. Nach dem Krieg sah sie ihre berufliche Zukunft in der DDR bei der DEFA, kehrte jedoch 1955 in den Westen zurück.

Wir gehen die Bernadottestraße geradeaus weiter bis zur Pücklerstraße, in die wir rechts einbiegen und schlendern dann bis zur Nr. 8, zum Haus von Blandine Ebinger (1899-1993). Sie war ebenfalls Schauspielerin und Sängerin, die ihre Karriere schon als Kind begonnen hatte. 1921 trat sie erstmals mit Chansons in Berlin auf. Bald war sie „Die Dame der Berliner Chansons“. Mit dem Komponisten Friedrich Hollaender war sie einige Jahre verheiratet und erhielt 1983 das Bundesverdienstkreuz.

Wir kehren zurück bis zur Bernadottestraße und gehen nun nach rechts. Am Park entlang laufen wir bis zur Heydenstraße, in die wir links einbiegen. In der Nr. 30 lebte die Filmregisseurin Leni Riefenstahl (1902-2003). Die nationalsozialistische Regierung wollte ihr ein eigenes Filmgelände in Dahlem errichten. An der Argentinischen Allee, in der Nähe ihres Heimes in der Heydenstraße, waren diverse Arbeitsräume geplant. Das Bauprojekt war ganz auf die Regisseurin zugeschnitten, die dem nationalsozialistischen Deutschland durch ihre Filme einen großen Dienst erwies. Einer ihrer Filme „Triumph des Willens“, ein Propagandafilm über den Reichsparteitag der NSDAP 1934 in Nürnberg, setzte trotz seines bedenklichen Inhalts technische Maßstäbe, die Einfluss auf viele berühmte Hollywoodproduktionen hatten, so auch auf die Star-Wars Saga. Der Heydenstraße folgend, wandern wir weiter bis zur Clayallee und biegen links in die Max-Eyth-Straße ein. Auf dem damaligen Grundstück Nr. 12 lebte die berühmte Schauspielerin und Sängerin Zarah Leander (1907-1981). Besonders prägnant war ihre Kontraalt–Stimmlage, wie wir sie aus „Kann denn Liebe Sünde sein“ kennen. Als junge Schwedin kam sie 1937 nach Deutschland, wo die Ufa sie zum Weltstar aufbauen wollte. Tatsächlich wurde sie die bestbezahlteste Schauspielerin im Dritten Reich, legte aber ihre schwedische Staatsbürgerschaft nie ab. Nach einem Bombenangriff 1943 wurde ihre Villa geplündert. Daraufhin verließ sie Deutschland. Das Haus wurde nicht wieder aufgebaut.

Wir gehen weiter und treffen auf die Finkenstraße, in die wir nach rechts einschwenken. Dort, in der Nr. 11 wohnte die Schauspielerin, Sängerin und Buchautorin Hildegard Knef (1925-2002). Sie war der erste große deutsche Nachkriegsstar und machte ab 1948 auch Karriere in Hollywood. Zeit ihres Lebens wechselte sie zwischen Amerika und Deutschland hin und her. Sie wurde in einem Ehrengrab auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beigesetzt.

Wir spazieren weiter am Park entlang und biegen in den Heinrich-Stahl-Weg ein. Heinrich Stahl war der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde während der Nazi-Zeit. Er wurde 1942 im KZ ermordet. Nach wenigen Schritten kommen wir zur Straße Im Dol, der wir nach rechts folgen. Die Straße am Hirschsprung biegen wir links ein und erreichen am Ende die Straße Im Gehege. Hier überqueren wir den Platz in Laufrichtung und stoßen dann auf die Königin-Luise-Straße, die wir kreuzen, um in den Bachstelzenweg zu gelangen. In der Nr. 11 befindet sich das Haus der Schauspielerin Renate Müller (1906-1937). Sie war ein Markenzeichen des deutschen Films, besonders des musikalischen Lustspiels. Sie erlebte aber massive Behinderungen durch die Nazis, denen sie nicht linientreu genug erschien. Sie starb mit nur 31 Jahren unter ungeklärten Umständen.

Wir gehen nun den Bachstelzenweg ein Stück zurück bis zum Kuckucksweg und laufen diesen bis zur Musäus-straße. Dort biegen wir rechts ein. In der Nr. 4 lebte die Schauspielerin Luise Ullrich (1911-1986). Die Österreicherin wollte schon mit 14 Jahren Schauspielerin werden und besuchte parallel zum Lyzeum die Schauspielschule. Ihre ersten Auftritte hatte sie am Wiener Volkstheater, ihren Durchbruch 1931 in Berlin.

Die Musäusstraße mündet in den Schwarzen Grund. Hier lebte die Journalistin Margret Boveri (1900-1975) in der Nr. 16-18. Leider ist das Ursprungshaus nicht erhalten. Sie war die Tochter eines Biologen-Ehepaares. Ihre Mutter war Amerikanerin, so reiste sie schon als Kind oft zu ihren Verwandten. Nach ihrem Studium der Geschichte und Germanistik arbeitete sie zunächst als Sekretärin, studierte dann Politik. Ihre anschließende Tätigkeit als Auslandskorrespondentin während des Zweiten Weltkrieges war mit umfangreichen Reisen verbunden. Ihre während dieser Zeit verfassten Artikel zeigen ihre Loyalität zu Nazideutschland.

Nach ein paar Schritten treffen wir rechts auf einen Fußweg, auf dem wir den Thielpark durchqueren und ihm weiter folgen bis zur Straße Auf dem Grat. Gleich rechts gegenüber sehen wir das Haus Nr. 44. Hier wohnte die Pionierin der Kinderpsychoanalyse Melanie Klein. Sie lebte 1882-1960 und zog Anfang 1921 nach Berlin. Vorübergehend wohnte sie in einer Pension in der Nähe Karl Abrahams, bei dem sie zur Analyse ging. Seine Adresse in der Bismarckallee 14 im Grunewald mag bei ihrem Entschluss, ein Haus in Dahlem zu kaufen, mitentscheidend gewesen sein.

Wir wenden uns nach links und an der nächsten Ecke biegen wir links in die Gelfertstraße ein, und treffen an ihrem Ende auf den U-Bahnhof Thielplatz. Hier überqueren wir die U-Bahn-Trasse und sehen links den Faradayweg, in den wir einbiegen. In der Nr. 8 befindet sich die Villa, in der Clara Immerwahr lebte. Die Chemikerin wurde 1870 in Polkendorf bei Breslau geboren. Sie besuchte zunächst das Lehrerinnenseminar, da sie sich davon sichere Verdienstmöglichkeiten versprach. Nach der Abschlussprüfung wollte sie studieren, was damals für Frauen schwierig und mit Hürden verbunden war. Schließlich konnte sie 1897 die Reifeprüfung an einem Realgymnasium ablegen und schon 3 Jahre später ihre Doktorprüfung in Naturwissenschaften. 1901 heiratete sie Fritz Haber, der 1911 zum Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institutes für physikalische Chemie und Elektrochemie nach Berlin berufen wurde. Die Familie zog in die Dienstvilla direkt neben dem Institut in Dahlem. Während des Ersten Weltkrieges übernahm Haber als Abteilungsleiter im Kriegsministerium die Entwicklung und Leitung der Giftgaseinsätze. Clara verurteilte den Einsatz von Chemiewaffen und sah in der Arbeit ihres Mannes eine Perversion der Wissenschaft. Ihr Mann ging auch an die Front, um die Einsätze zu überwachen. Am 1. Mai 1915 nahm sich Clara mit der Dienstwaffe ihres Mannes das Leben. Ob ihre Verzweiflungstat mit der Arbeit ihres Mannes etwas zu tun hatte, ist ungeklärt.

Fast nebenan im Haus Nr. 15 wohnte die Schauspielerin Elisabeth Bergner (1897-1986). Sie war in den 20er Jahren durch ihre unermüdlichen Tourneen vor ausverkauften Häusern „Großverdienerin“ geworden. Im April 1925 kaufte Elisabeth Bergner mit ihrer Freundin Viola Bosshardt zu gleichen Teilen das Haus im Faradayweg. Legendär wurde sie als Arthur-Schnitzler-Heldin „Fräulein Else“.

Wenn wir die Thielallee überqueren, befindet sich rechts das Otto-Hahn-Haus, das heutige Institut für Biochemie der Freien Universität. Auf dem jetzigen Parkplatz befand sich früher die Direktorenvilla des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie Thielallee Nr. 67. Hier wohnte die Physikerin Lise Meitner (1878-1968). 1938 musste sie emigrieren und war erst 1953 das erste Mal wieder in Berlin. Sie machte zunächst eine Ausbildung als Französischlehrerin und hatte wie Clara Immerwahr große Schwierigkeiten, zum Universitiätsstudium zugelassen zu werden. Nach einer externen Matura studierte sie Physik und promovierte 1906 über die Wärmeleitung in inhomogenen Körpern. Als sie einen Gastvortrag von Max Planck, dem Begründer der Quantenphysik, hörte, beschloss sie, nach Berlin zu gehen. 1912 wurde das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem eröffnet, und Hahn wurde Leiter der kleinen Abteilung Radiochemie. Meitner arbeitete dort als unbezahlter Gast. Nach der Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg, zu dem sie sich als Röntgenschwester gemeldet hatte, übertrug man ihr 1918 die Leitung einer eigenen radiophysikalischen Abteilung. Nachdem Frauen auch zum Hochschullehramt zugelassen worden waren, habilitierte sie und hielt ab 1922 Vorlesungen an der Berliner Universität. Im Alter von 48 Jahren bekam sie eine Stelle als außerordentliche Professorin.

Wir laufen nun die Kaiserswerther Straße bis zu ihrem Ende und treffen auf die Habelschwerdter Allee. Hier wenden wir uns nach rechts zum Haus Nr. 16. Diese letzte Station ist das Haus von Winifred Wagner (1897-1980). Sie hatte bereits mit zwei Jahren ihre englischen Eltern verloren und wurde von dem in Deutschland lebenden Verwandten Karl Klindworth aufgenommen. Er war Dirigent und als Liszt-Schüler ein gefragter Klavierlehrer. Mit Richard Wagner befreundet, gehörte er zu dessen Förderern. 1908 beschlossen die Adoptiveltern Klindworth, aus der Reformsiedlung Eden in die anspruchsloseren Verhältnisse einer Berliner Mietwohnung in Dahlem zu ziehen, um Winifred ganz bei sich wohnen zu lassen. Das elterliche Heim wurde zum gesellschaftlichen Treffpunkt, wo sie Siegfried Wagner kennenlernte und 1915 heiratete. Nach dem Tode ihres Mannes 1930 übernahm W. Wagner die Leitung der Bayreuther Festspiele. Mit Hitler, der die Festspiele zu einem nationalsozialistischen Kultereignis machte, pflegte sie eine enge Freundschaft. Aus diesem Grund wurde Winifred Wagner 1945 von den Amerikanern mit Festspiel- und öffentlichem Redeverbot belegt. Am 5. März 1980 starb sie.

Hier am Ende unser Tour haben wir nun die Möglichkeit, von der Habelschwerdter Allee die Busse X11, M11 und von der Ecke Unter den Eichen die Buslinien M48 und 101 zu nutzen oder durch einen kleinen Fußweg den S-Bahnhof Lichterfelde West zu erreichen.
 
Nützliche Hinweise

Diese Tour dauert ca. 3 Stunden.

Der U-Bahnhof Podbielskiallee ist nicht behindertengerecht ausgestattet.

An der Route finden sich keine öffentlichen Toiletten.
   Henny Porten

Henny Porten
Bild: Ross Verlag

 Wohnhaus von Henny Porten

Wohnhaus von Henny Porten
Bild: Heike Behrendt

 Anwesen von Leni Riefenstahl

Anwesen von Leni Riefenstahl
Bild: Heike Behrendt

 Zarah Leander

Zarah Leander
Bild: commons.wikimedia.org

 Wohnhaus von Hildegard Knef

Wohnhaus von Hildegard Knef
Bild: Heike Behrendt

 Haus von Renate Müller

Haus von Renate Müller
Bild: Heike Behrendt

 Villa von Luise Ullrich

Villa von Luise Ullrich
Bild: Heike Behrendt

 Wohnhaus der Psychologin Melanie Klein

Wohnhaus der Psychologin
Melanie Klein
Bild: Heike Behrendt

 Wohnhaus von Clara Immerwahr

Wohnhaus von Clara Immerwahr
Bild: Heike Behrendt

 Bergner Villa, heute Fritz-Haber-Institut

Bergner Villa,
heute Fritz-Haber-Institut
Bild: Heike Behrendt

 Lise Meitner und Otto Hahn

Lise Meitner & Otto Hahn
Bild: HMI Archiv

 Wohnhaus Winifred Wagner

Wohnhaus Winifred Wagner
Bild: Heike Behrendt

 Winifried Wagner

Winifried Wagner
Bild: 3sat-onlinet
 
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