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Goethe in Zehlendorf: Auf den Spuren von Freimaurern
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Die Freimaurer sind eine demokratisch strukturierte Vereinigung von Männern, die die Brüderlichkeit, Nächstenliebe und Toleranz unter den Menschen verwirklichen und pflegen möchten. Ihre Aufgabe besteht darin, das Individuum ethisch-moralisch und sozial zu vervollkommnen. Das Motiv der Entstehung von Freimaurerlogen ist die Überwindung politischer, nationaler, sozialer und religiöser Gegensätze, die einem Menschheitsbund im Wege stehen. Die heutige Freimaurerei hat ihre Ursprünge in den Steinmetzbruderschaften des Hoch- und Spätmittelalters, insbesondere in England, von wo aus sie sich seit 1717 auf dem europäischen Kontinent und in Übersee ausbreitete. Der Suchende durchläuft in der Loge (Versammlungs- und Arbeitsort der Brüder) Erkenntnisgrade vom Lehrling über den Gesellen bis zum Meister, d.h. er bearbeitet sich symbolisch mit Werkzeugen von einem rauen Stein zu einem kubischen Block. Zu seinen Hauptsymbolen zählen die Bibel, der Zirkel und das Winkelmaß. Die Bibel ordnet und richtet den Glauben. Der Zirkel als Symbol der Nächstenliebe reguliert mit seinen beiden Schenkeln, die für Gut und Böse stehen, das wohlwollende Verhältnis zwischen den Menschen. Gerechtigkeit und gewissenhaftes Handeln soll das Winkelmaß ausdrücken. In Deutschland existiert diese geistige Strömung seit 1737, in Berlin seit 1740.

Auf unserer Tour bewegen wir uns auf den Spuren einer Freimaurerloge und einer -vereinigung, die den Namen Goethe trugen. Der Dichter war Mitglied der Weimarer Loge „Amalia“. Unsere Route verläuft vom S-Bahnhof Mexikoplatz bis nach Schlachtensee. Der Endpunkt der Tour ist wieder der S-Bahnhof Mexikoplatz. Wir haben aber die Möglichkeit, bis zum S-Bahnhof Zehlendorf zu fahren, um von dort aus Gräber von Freimaurern auf dem Friedhof Zehlendorf in der Onkel-Tom-Straße zu besuchen und die Wohnstätte eines Malers, der der Loge ,,Goethe“ angehörte, aufzusuchen.
  Tourbeschreibung

Der Startpunkt unserer Tour ist der 1905 von den Architekten Hart und Lesser im Jugendstil erbaute S-Bahnhof Mexikoplatz. Wir überqueren die Beerenstraße und gelangen auf die linke Seite des Mexikoplatzes mit Rasen und Blumenbeeten. Dort stehen wir vor einem Miets- und Geschäftshaus (Mexikoplatz 4), das der Architekt Otto Kuhlmann in den Jahren 1905/06 im Landhausstil errichtete. Auch die anderen Häuser auf dem Platz stammen von ihm. In diesem Eckgebäude befand sich vor dem Zweiten Weltkrieg das Hotel und Restaurant von Josef Nestler. Seit den 60er Jahren beherbergt es ein italienisches Lokal. Im Jahre 1923 gründeten in dieser Herberge neun Brüder der Steglitzer Loge Bruderbund am Fichtenberg (www.3wk.org) die Bruderschaft „Goethe“, deren Stuhlmeister (Vorsitzender) der Zehlendorfer Schuldirektor Rudolf Knauer (1870-1945) war, unter dem Dach der Großen National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln (www.3wk.org). Die christlich orientierte preußische Freimaurerei betonte die Verantwortlichkeit des Menschen und die Unsterblichkeit der Seele als Postulate der Vernunft und Jesus Christus als Schlussstein des Bauwerks der Menschheit. Neben der Logenarbeit wurden Vorträge gehalten und Zusammenkünfte der Frauen der Logenbrüder organisiert. Ab 1928 arbeitete die aus 31 ordentlichen Mitgliedern bestehende Zehlendorfer Loge im Haus vom „Bruderbund am Fichtenberg“ in der Steglitzer Albrechtstraße. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung musste sie sich zwangsauflösen und entstand nach dem Krieg nicht wieder.

Jetzt wenden wir uns nach links und überqueren die Argentinische Allee. Wir gehen am anderen Eckhaus des Mexikoplatzes vorbei und betreten die Limastraße. Auf der rechten Straßenseite bleibend, kommen wir zur nächsten Querstraße, die Goethestraße. Diese biegen wir nach rechts ein und überqueren sie. Gegenüber sehen wir das Evangeline-Booth-Haus der Heilsarmee mit einem von dorischen Säulen geschmückten Eingangsportal (Nr. 17). Schließlich machen wir Halt vor einem grauen, zweistöckigen Haus in der Nummer 22. Dort wohnte der Buchdruckereibesitzer Otto Schwartz, der der Berliner Loge Zum Pegasus (www.freimaurerei.com) angehörte, die wegen der gemeinsamen christlichen Lehrart freundschaftliche Beziehungen zur Zehlendorfer Bruderschaft unterhielt. Aus diesem Grunde war er besuchender Bruder der Loge „Goethe“ und hielt auch Vorträge über das Buch- und Verlagswesen in der gleichnamigen freimaurerischen Vereinigung. Das Wohnhaus, in dem sich heute ein Modegeschäft befindet, ließ er für sich von 1904 bis 1908 erbauen.

Wir gehen wieder auf die andere Straßenseite und begeben uns zum Ende der Goethestraße. In der Hausnummer 49 erblicken wir das Clubhaus der Freien Universität, ein weißer Bau des Architekten W. Kämper aus den Jahren 1923/24. Ab Ende der 20er Jahre war es der Wohnort von Georg Knöpfke (1874-1933), dem Rundfunkpionier und Direktor der 1923 gegründeten Funkstunde AG. Er war Freimaurer in der Berliner Loge „Zum Widder“, einer Tochterloge der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland (www.freimaurerei.com), und bekleidete in ihr das Amt des Protokollanten. Als Logenbruder verfocht er die Denk- und Meinungsfreiheit auch im Rundfunk und wehrte sich 1933 gegen die nationalsozialistische Gleichschaltungspolitik. Von der Gestapo wurde er verhaftet, misshandelt und zur Unterzeichnung eines Korruptionsgeständnisses gezwungen. Nach seiner Freilassung nahm er sich am 14. September 1933 das Leben.

Jetzt schlagen wir unseren Weg nach rechts in die Fischerhüttenstraße ein und gehen bis zur Argentinischen Allee, in die wir nach links einbiegen. Vorbei am Krankenhaus Waldfriede kommen wir zum Selmaplatz, der Bestandteil der aus Geschossbauten, Reihen- und Einfamilienhäusern bestehenden Waldsiedlung Krumme Lanke ist. Diese wurde von 1938 bis 1940 als SS-Kameradschaftssiedlung im heimatlichen Dorfstil mit einem Platz als Dorfanger errichtet. Am Selmaplatz 5 lebte nach dem Zweiten Weltkrieg ein Freimaurer namens Carl Nowack, der zum Wiederaufbau der humanitären Freimaurerei in Berlin einen wesentlichen Beitrag leistete. Die humänitäre Freimaurerei verficht das reine Menschentum, das sich im allein von der Vernunft geleiteten Handeln und in der Glaubens- und Denkfreiheit äußert. Folglich stand sie vor 1933 sogar vielen Juden offen. Heute sind die Logen dieser Richtung in der Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (www.freimaurerei.com) zusammengefasst.

Nun drehen wir wieder um in Richtung Fischerhüttenstraße, gehen diese nach rechts und biegen links in die Klopstockstraße ein. Die nächste Querstraße ist die Limastraße, in die wir rechts einbiegen und bis zum Ende gehen. In der Nähe des Schlachtensees geht unsere Route nach links in den Elvirasteig ab. Im Elvirasteig 28 Ecke Terrassenweg Nr. 3 und 5 sehen wir ein dunkles Blockhaus aus dem Jahre 1897, das Sommerdomizil des Architekten und Mauermeisters Adolf Hornemann, eines weiteren Mitglieds der Loge „Goethe“. Er fungierte in ihr als Schaffner, der die Logenarbeit mitbeaufsichtigte und sich um das Logenmahl kümmerte. Später wurde er Schriftführer.

Wir folgen dem Elvirasteig unter der S-Bahnbrücke hindurch bis zur Salzachstraße. Anschließend biegen wir nach rechts in diese Querstraße ein und gehen zur Bergengruenstraße. Nach links begeben wir uns zur Hausnummer 3. Dort sehen wir eine Villa mit klassizistischen und gotischen Bauelementen. Man erkennt die Spitz- und Rundbogenfenster. Das Eingangsportal ist mit Eisenbeschlägen verziert. Es handelt sich um das Wohnhaus des Chemikers und Metallurgen Alfred Wilm (1869-1937), der 1906 in Neubabelsberg die Aluminiumlegierung Duralumin herstellte, die später im Flugzeugbau Verwendung fand. Er war Mitglied der Potsdamer Loge Teutonia zur Weisheit (www.3wk.org) und der freimaurerischen Vereinigung „Goethe“.

Wir gehen die Bergengruenstraße weiter bis zur Matterhornstraße. Von dort schlagen wir unseren Weg nach rechts ein und dann wieder nach links in die Eitel-Fritz-Straße. In der Hausnummer 1 wohnte der Buchdruckereibesitzer und Freimaurer Paul Funk, der in der Loge „Goethe“ das Amt des Aufsehers bekleidete. Er organisierte im Jahre 1924 die Wandergruppe, zu der auch Mitglieder der Bruderschaft Zur Treue (www.3wk.org) gehörten. Es wurden Wanderungen zu Orten wie Kohlhasenbrück, Kladow und Sacrow unternommen. Jetzt gehen wir auf den Fritz-Eitel-Platz zu. Diesen überqueren wir linker Hand und beschreiten die Dubrowstraße. Als nächste Querstraße betreten wir in rechter Richtung wieder die Bergengruenstraße. Wir erreichen nach einigen Metern die Hausnummer 39. Dort stehen wir vor dem schlichten Wohnhaus mit einem remiseartigen Anbau des Logenbruders Josef Backhausen und der Geburtsstätte der freimaurerischen Vereinigung „Goethe“, in der sich Brüder verschiedener Logen und Lehrsysteme einmal im Monat ohne Logenkleidung und Ritual zum Austausch freimaurerischen Gedankengutes und zur Planung von Kulturveranstaltungen und karitativen Tätigkeiten trafen. Beaufsichtigt wurde sie von der Lichterfelder Loge „Drei Lichter im Felde“. Seit ihrer Gründung im Jahre 1909 hielt sie ihre Sitzungen im Restaurant Hohenzollern in der heutigen Altvaterstraße 8 nahe dem S-Bahnhof Schlachtensee. Wegen des Ersten Weltkrieges nahm die Teilnahme der Logenbrüder an den Veranstaltungen ab. Mit der Logengründung fand der Verein schließlich sein Ende. Backhausen fungierte in ihm als stellvertretender Vorsitzender.

Wir kehren zur Dubrowstraße zurück, in die wir nach rechts einbiegen. In der Hausnummer 11 erhebt sich vor uns eine weiße, zweistöckige Villa mit einem geschwungenen Giebel und einer Dachkuppel mit Wetterfahne. Sie wurde im Jahre 1907 von den Architekten Heino Schmieden und Julius Boethke errichtet. Schmieden baute in Berlin das Kunstgewerbemuseum, den heutigen Martin-Gropius-Bau. Die Villa bewohnte einst der Klavierfabrikant Robert Görs (1850-1937), dessen Fabrik „Görs & Kallmann“ in Berlin-Kreuzberg stand. Er war auch Hoflieferant des deutschen Kaisers. Als Freimaurer gehörte er der Vereinigung „Goethe“ an, in der er Schatzmeister war. Während des Ersten Weltkrieges amtierte er als Vorsitzender. Seit 1923 war er Mitglied der gleichnamigen Loge. Kurz danach erreichen wir die Argentinische Allee und können in die S-Bahn am Mexikoplatz einsteigen.

Wer noch Interesse und Zeit hat, der kann mit der S-Bahn bis zum S-Bahnhof Zehlendorf fahren, um noch weitere Spuren von Freimaurern zu finden. Vom Bahnhof aus gehen wir den Teltower Damm entlang bis zur nächsten Kreuzung. Danach überqueren wir die Potsdamer Chaussee und halten uns linker Hand. Vorbei am Heimatmuseum Zehlendorf und der Dorfkirche, gehen wir bis zur Ecke Onkel-Tom-Straße, in die wir rechts einbiegen. In der Nummer 30 betreten wir Friedhof Zehlendorf, wo wir die Gräber von zwei Logenbrüdern besuchen. Das eine ist das Berliner Ehrengrab (Abt. 30W-22, Feld 20) des FDP-Politikers William Borm (1895-1987), der Freimaurer in der Berliner Loge Am Berge der Schönheit (www.3wk.org) war, sich für die deutsch-deutsche Verständigung stark machte und für die Stasi arbeitete. Die andere Ruhestätte (Feld 2) ist die des Theologen und Begründers des Evangelischen Diakonievereins in Zehlendorf, Karl Friedrich Zimmer (1855-1919). Er gehörte der Berliner Freimaurerloge Urania zur Unsterblichkeit (www.loge-urania.de) an und stand bis 1911 der freimaurerischen Vereinigung „Goethe“ vor. Nachdem wir den Friedhof verlassen haben, gehen wir nun die Onkel-Tom-Straße zurück zur Potsdamer Chaussee. Wir halten uns rechts und bewegen uns am Gemeindewäldchen vorbei auf die nächste Straßenkreuzung zu. In linker Richtung biegen wir in die Neue Straße ab. In der Hausnummer 27, einem Mietshaus aus rotem Backstein, lebte bis Ende der 20er Jahre der Kunstmaler Fritz Anton Siebert, der Heimatgemälde schuf. Er war Mitglied der Loge „Goethe“, in der er die Schaffnerfunktion innehatte.

Mit dieser Etappe wäre unsere Tour beendet, und wir können zur Heimfahrt zum S-Bahnhof Zehlendorf zurückgehen.
 
Nützliche Hinweise

Unser Rundgang dauert anderthalb Stunden, mit der Ergänzungstour mehr als zweieinhalb Stunden. Er ist geeignet für Spaziergänger, Radfahrer und Gehbehinderte.

Am Mexikoplatz haben wir die Möglichkeit, in das italienische Restaurant oder in die Bahnhofsgaststätte einzukehren.
   Ehemaliges Hotel Nestler

Ehemaliges Hotel Nestler
Bild: Jens Leder

 Goethe im Orient Zehlendorf (Siegel)

Goethe im Orient Zehlendorf (Siegel)
Bild: Heimatverein Zehlendorf

 Anzeigen d. Freimaurerloge Goethe, 1927

Anzeigen d. Freimaurerloge Goethe,
1927
Bild: Privatbesitz Jens Leder

 Ehemalige Villa von Otto Schwartz

Ehemalige Villa von Otto Schwartz
Bild: Jens Leder

 Ehemaliges Wohnhaus von Georg Knöpfke

Ehemaliges Wohnhaus
von Georg Knöpfke
Bild: Jens Leder

 Selmaplatz

Selmaplatz
Bild: Jens Leder

 Wohnhaus von Carl Nowack

Wohnhaus von Carl Nowack
Bild: Jens Leder

 Blockhaus Terrassenweg

Blockhaus Terrassenweg
Bild: Jens Leder

 Ehemalige Villa von Alfred Wilm

Ehemalige Villa von Alfred Wilm
Bild: Jens Leder

 Eitel-Fritz-Strasse 1

Eitel-Fritz-Straße 1
Bild: Jens Leder

 Bergengruenstrasse 39

Bergengruenstraße 39
Bild: Jens Leder

 Drei Lichter im Felde (Siegel)

Drei Lichter im Felde (Siegel)
Bild: Privatbesitz Jens Leder

 Historische Ansicht der Villa Görs

Historische Ansicht der Villa Görs
Bild: Privatbesitz Jens Leder

 Firmenanzeige, 1928

Firmenanzeige, 1928
Bild: Privatbesitz Jens Leder

 Grab von William Borm

Grab von William Borm
Bild: Jens Leder

 Grab von Karl Friedrich Zimmer

Grab von Karl Friedrich Zimmer
Bild: Jens Leder

 Ehemaliger Wohnort des Malers Siebert

Ehemaliger Wohnort
des Malers Siebert
Bild: Jens Leder
 
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