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Villenkolonien um die Jahrhundertwende mit besonderem Blick auf den Architekten Muthesius
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Gegenstand dieser Tour sind die Landhäuser der Villenkolonien Nikolassee und Schlachtensee, die Anfang des 20. Jahrhunderts nahe Berlin entstanden sind. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Hermann Muthesius gelegt. 1861 in Thüringen geboren, war der Architekt 1907 Mitbegründer des Deutschen Werkbundes. Er war von der englischen „Arts and Crafts“- Bewegung beeinflusst. Dabei ging es um die Verschmelzung von Industrieprodukten, Handwerk und qualitativ hochwertiger Architektur. Er orientierte sich stark am Konzept des englischen Landhauses. In Berlin erbaute er über 100 Häuser, meist Land-, und Vorstadthäuser. Eine Villa sollte nach seinen Vorstellungen keine „Jahrhundertwende-Prunk-Villa“ sein, sondern Naturnähe und Wohnkultur statt Repräsentation ausstrahlen. Muthesius wurde im Oktober 1927 in Steglitz durch einen Straßenbahnunfall getötet.
  Tourbeschreibung

Unsere Tour beginnt am S-Bahnhof Nikolassee, der 1902 eingeweiht wurde. 1901 wurde hier eine Villenkolonie von der ehemaligen Heimstätten AG Zehlendorf (HAG), gegründet, die das Gebiet um 1900 erwarb. Die Architekten begannen sich zu dieser Zeit von starren historischen Stilvorgaben zu lösen, was die individuellen Bauweisen der Villen erklärt. Da schon 1891 die Trasse der Wannseebahn existierte, war die Anbindung an die bereits bestehenden Villenorte Wannsee, Schlachtensee und Grunewald sowie nach Berlin ein Vorteil.

Wir verlassen den Bahnhof durch den Ausgang zum Hohenzollerplatz und gehen nach links in die Alemannenstraße. Das in der Nr. 10 gemeinsam mit dem Rathaus in Betrieb genommene Feuerwehrgebäude wurde 1912 von Bruno Möhring erbaut. Die Häuser Nr. 8, Nr. 6 und Nr. 2, wurden Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet und stammen allesamt von der HAG. Das Haus Nr. 6, die Villa Anna, ist ein HAG-Musterhaus und jetzt Baudenkmal. Am Ende der Straße führt unser Weg nach rechts in die Straße An der Rehwiese. Die Rehwiese ist zusammen mit dem Nikolassee seit 1960 als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. Sie bilden den Rest einer typischen Auenlandschaft eiszeitlichen Ursprunges.

Das Haus Nummer 3a wurde 1935 für den BEWAG Vorstandsvorsitzenden Dr. Ing. Johannes Adolph vom ehemaligen Steglitzer Gemeindebaurat Müller erbaut, der hauptsächlich Industriebauten plante. Wir biegen in die Burgunder Straße ein. Das Haus Nr. 9 wurde 1924/25 von Walter Klingenberg und Werner Issel entworfen. Beide waren bedeutende Architekten des deutschen Industriebaus. Vor allem bauten sie Kraftwerke und andere Großanlagen, z.B. 1925-1927 das Kraftwerk Rummelsburg. Weiterhin von Interesse ist die Villa Bachmann in der Nr. 7 und die Villa Schneyder in der Nr. 5, beide um 1905 errichtet. Von der Burgunder Straße gelangen wir nach links wieder auf die Alemannenstraße. Auf dem Hohenzollernplatz angekommen, gehen wir nach links in die Normannenstraße. Das Gebäude Nr. 1 ist das ehemalige Chauffeur- und Pförtnerhaus des Geschäftshauses der HAG Hohenzollernplatz Nr. 3/4, errichtet 1903/04. Weiterhin erwähnenswert sind die HAG-Häuser Nr. 7, Nr. 11 und Nr. 12, allesamt Angang des 20. Jahrhunderts erbaut.

Am Ende der Straße stoßen wir wieder auf die Rehwiese, die wir hier geradeaus überqueren und schräg links eine flache Treppe zum Kirchweg (1. Querstrasse) hinauf steigen. Dem Kirchweg folgen wir nach rechts, wo wir an der Ecke Beskiden-straße /Jochen Klepper Weg den Gedenkstein an Jochen Klepper finden, einen der bedeutendsten deutschen Kirchenlieddichter. Er war mit einer konvertierten Jüdin verheiratet und lehnte unter der Naziherrschaft die Zwangsscheidung von ihr ab. Als die Deportation seiner Frau und seiner jüngsten Stieftochter unmittelbar bevorstand, nahm sich die Familie im Dezember 1942 das Leben.

Das Anwesen Nr. 33, der Mittelhof (www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/105195), ebenfalls ein Muthesius-Bau, ist Garten- und Baudenkmal. Die 1914-1918 für den Großindustriellen Mertens erbaute Anlage vermittelt einen Eindruck von herrschaftlicher Lebens- und Wohnkultur. Heute beherbergt es das Zentrum Moderner Orient. Dies ist die einzige Forschungseinrichtung in Deutschland, die sich mit historisch vergleichenden Perspektiven der gesamten islamischen Welt befasst. Den Kirchweg weiter in Laufrichtung kommen wir zu mehreren Bauten von Muthesius. Das Landhaus Dr. Erich Wild, 1913/14 erbaut, ist heute ein Baudenkmal, Nr. 24-26 beherbergt heute den Tennisclub „Grün-Weiss“. Ehemals war hier das 1914 errichtete Wohn- und Atelierhaus Dr. Wild. In der Nr. 27 befindet sich die Fahrzeughalle Albert Stern, die 1925 erbaut wurde, das dazugehörige Wohnhaus wurde 1969 abgerissen.

Weiter dem Kirchweg folgend, kommen wir zu der evangelischen Kirche Nikolassee mit deren Pfarrhaus, beide von Blunck und Bartschat 1909/1910 erbaut. Auf dem Kirchhof gegenüber liegt das Ehrengrab der Familie Muthesius. Wir erreichen es, indem wir an der Kapelle rechts vorbei, den ersten Querweg rechts gehen und dann links zum 7. Grab auf der rechten Seite. Hier befindet sich auch die Grabstätte der Familie Klepper. Als weitere hier beigesetzte bekannte Persönlichkeiten seien der Verleger Axel Springer und Gert von Basselitz, der Verfasser von „Peterchens Mondfahrt“, genannt. Wir verlassen den Friedhof und laufen links immer noch dem Kirchweg folgend, am Haus der Gemeinde Nikolassee vorbei, das 1927/28 von Lehweiß und Breidenbend erbaut wurde. Wir gelangen auf die Potsdamer Chaussee und gehen nach rechts, um wiederum Muthesius- Bauten zu erreichen. Die Villa Haus Freudenberg, in der Hausnummer 48, gilt als eines der bekanntesten Landhäuser von Muthesius. Das Chauffeurhaus des Anwesens können wir auf der gegenüberliegenden Seite der Potsdamer Straße sehen. Das Wohnhaus von Muthesius, Nr. 49, ist rechts über einen kurzen Fußweg zu erreichen. Die gesamte Anlage verweist auf die englische Gartenbaukunst, der Garten ist denkmalgeschützt.

Wir gehen nun zurück in den Kirchweg, biegen am Gemeindehaus nach rechts in den Pfeddersheimer Weg ein und laufen bis zur Von-Luck-Strasse. Dort gehen wir nach links bis zur Schopenhauerstraße, wo in der Nr. 71 das Wohnhaus Bloch steht, das 1907/08 erbaut wurde. In den Nummern 53-55 ist die Villa Vowinckel zu sehen. Der rote Backsteinbau wurde 1920/21 errichtet. Das zweite Gebäude wurde später hinzugefügt. Die Villa Hirschowitz hat Muthesius 1912/13 in der Nr. 46 bauen lassen. In der Hausnummer 47 erbaute die HAG 1913 einen Pferdestall. Der Weg geht weiter die Schopenhauer Straße entlang, und an ihrem Ende überqueren wir den Heinrich-Albertz-Platz und gehen in Laufrichtung in die Matterhornstraße. Der Pfarrer Heinrich Albertz war vom Dezember 1966 bis September 1967 Regierender Bürgermeister von Berlin. Nach dieser Zeit bis zu seiner Pensionierung 1979 war er wieder als Pfarrer im Amt. In dieser Eigenschaft begleitete er im März 1975 freiwillig RAF-Terroristen nach Südjemen, im Austausch gegen den von der RAF entführten damaligen CDU Vorsitzenden Peter Lorenz. Dieser verstarb am 6.12.1987 und wurde auf dem Kirchhof Nikolassee beigesetzt.

Der Weg führt uns links in den Elvirasteig und unter der S-Bahn hindurch. Danach geht es gleich links die Straße Am Schlachtensee entlang und zwei Querstraßen weiter rechts in den Flachsweg, an dessen Ende wir rechts die Terassenstraße erreichen. Hier ist die Villa von Dr. Kuczynski nebst Gartenhaus aus den 1910er Jahren, in der Hausnummer 16 zu sehen. Robert René Kuczynski (1876-1947) war Statistiker und Ökonom und gilt als einer der Väter der modernen Bevölkerungsstatistik. Sein Sohn Jürgen Kuczynski (1904-1997) wurde 1930 Mitglied der KPD und war, wie auch dessen Schwester, die spätere Kinderbuchautorin Ruth Werner, als Spion tätig. 1945 kehrte er aus dem Exil nach Deutschland in die sowjetische Besatzungszone zurück und wurde einer der anerkanntesten Wissenschaftler der DDR.

Wir gehen die Terrassenstrasse zurück bis zum Schlickweg. Die nachfolgenden Bauten stammen alle von Muthesius. In der Nr. 6 das Wohnhaus von Prof. Mohrbutter, es wurde 1912/1913 errichtet. Ein Jahr davor erbaute man das Haus von Charles de Burlet in Nr. 12. Die Tour führt nun die Klopstockstrasse entlang bis zur Ecke Elvirasteig; dort befindet sich ein Spielplatz. Wir wenden uns nach rechts und laufen die Bogotastraße bis zur Ecke Goethestraße. Im Haus Nr. 15 für Baron von Schuckmann 1904/05 erbaut, befindet sich heute ein Altenheim. Der Goethestraße weiter folgend kommen wir zur Limastraße, in die wir links einbiegen. An der Ecke Klopstockstraße gelangen wir zu den Hausnummern 29 bis 29b. Die Villa wurde 1907/08 für Gustav von Velsen errichtet. Im erst 1925/1926 erbauten Haus Mandler, der Nr. 30a, hat Muthesius zusätzlich zur Haus- auch die Gartenplanung übernommen. In den 1980er Jahren wurde der Garten wieder denkmalgerecht hergerichtet. Am Ende der Limastraße erreichen wir den Schlachtensee, wo wir schon von der Straße aus eines der beliebtesten Ausflugslokale Berlins sehen können. Die „Alte Fischerhütte“ (www.fischerhuette-berlin.de) liegt mit ihrem großen Biergarten direkt am Wasser.

Wer die Tour ohne Einkehr beenden möchte, läuft nach rechts die Limastraße entlang bis zum Mexikoplatz. Der im Jugendstil 1904/1905 von Hart und Lesser erbaute denkmalgeschützte Bahnhof bildet mit den umliegenden Bauten einen der schönsten Plätze Berlins. Hier hat man die Anbindung an die S-Bahn Linie 1, sowie an die Buslinien 118 und 629. Mit den Bussen kann man auch den U-Bahnhof Krumme Lanke erreichen.
 
Nützliche Hinweise

Die Tour dauert etwa 3,5 Stunden und ist für Rollstuhlfahrer nicht geeignet. Der S-Bahnhof Nikolassee hat weder Fahrstuhl noch Rolltreppe.

Eine sehr ausführliche Denkmalliste mit vielen alten Abbildungen von Nikolassee findet sich unter: www.schroederniko.de

Eine privat gegründete Umweltinitiative an der Rehwiese findet sich unter: www.pro-rehwiese.de

Schöne alte Innenansichten des Wohnhauses von Muthesius sind unter www.wikipedia.org zu finden

In einem kleinen Cafe in der Von-Luck-Straße können wir Rast machen.

Die „Alte Fischerhütte“ ist täglich ab 9 Uhr geöffnet.
   Bahnhof Nikolassee

Bahnhof Nikolassee
Bild: Astrid Hochörtler

 HAG-Musterhaus / Villa Anna

HAG-Musterhaus / Villa Anna
Bild: Astrid Hochörtler

 Alemannenstraße 2

Alemannenstraße 2
Bild: Astrid Hochörtler

 Muthesius-Wohnhaus

Muthesius-Wohnhaus
Bild: Astrid Hochörtler

 Villa Bloch

Villa Bloch
Bild: Astrid Hochörtler

 Villa Vowinckel

Villa Vowinckel
Bild: Astrid Hochörtler

 Villa Dr. Kuczynski

Villa Dr. Kuczynski
Bild: Astrid Hochörtler

 Haus Charles de Burlet

Haus Charles de Burlet
Bild: Astrid Hochörtler

 Villa Baron von Schuckmann

Villa Baron von Schuckmann
Bild: Astrid Hochörtler

 Haus Mandler

Haus Mandler
Bild: Astrid Hochörtler

 Villa G. von Velsen

Villa G. von Velsen
Bild: Astrid Hochörtler

 Bahnhof Mexikoplatz

Bahnhof Mexikoplatz
Bild: Astrid Hochörtler
 
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