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Vom Wohnavantgardismus zur Avantgarde der Arbeiterbewegung

Besuchen Sie in der Gartenstadt Tempelhof ein Kleinod innerstädtischer Wohnidylle. Im Viertel nahm zudem der deutsche Faschismus sein bürokratisches Ende, und am Rande finden Sie ein für die damaligen Verhältnisse avantgardistisches Gebäude, in dem die Führung der Deutschen Buchdrucker ihren Sitz hatte.


Beginn der Tour: U- und S-Bahnhof Tempelhof (Ringbahn und U 6)
Endpunkt: S-Bahnhof Lichtenrade
Länge der Strecke: gut 3 Kilometer


Adolf-Scheidt-Platz
Adolf-Scheidt-Platz
Bäumlerplan
Im Wolfring Park
Wolfring Park
Manfred-von-Richthofen-Straße Ecke Rumeyplan (20er Jahre)
Manfred-von-Richthofen-Straße Ecke Rumeyplan (2012)
Tempelhofer Freiheit
Neutempelhof Luftbild 2008; Foto: A. Fiedler
Berlin gilt als die Stadt der Mietskasernen mit fünf Hinterhöfen. Einerseits ist das eines der unausrottbaren Klischees, die über Berlin verbreitet sind. Andererseits stimmt das auch. Aber eben nur zum Teil. Das wollen wir Ihnen mit einem Rundgang durch die Gartenstadt Tempelhof beweisen. Ja genau – Gartenstadt. Direkt westlich vom einstigen Flughafen Tempelhof ist sie gelegen. Im Volksmund heißt dieses spießig-schöne Quartier Fliegerviertel. Der preußische Staatssekretär Professor Dr. Adolf Scheidt hatte vor gut 100 Jahren eine Idee. Den Mietskasernen in Kreuzberg und Neukölln wollte er eine aufgelockerte und mit Gärten durchsetzte Bauweise entgegensetzen. Gesundes Wohnen mit viel Luft, Licht und Sonne, so Scheidts Reformcredo. Und bezahlbar sollte das auch noch sein.

►Sie starten mit der Tour am S- und U-Bahnhof Tempelhof. Folgen Sie dem Richtungsanzeiger Hoeppnerstraße / Manfred-von-Richthofen-Straße. Wenn Sie den Bahnhof verlassen haben, gelangen Sie über die Hoeppnerstraße links in die Manfred-von-Richthofen-Straße. Das über die Straße gebaute Portalgebäude ist Ihr Eingangstor zur Gartenstadt. Die gründerzeitliche Randbebauung mit fünfstöckigen Wohnhäusern markiert so etwas wie eine Stadtmauer rund um die Siedlung, in der Sie sich gleich befinden. Tobte eben noch der Verkehr und herrschte eher Hektik, ist nun Entschleunigung und Geruhsamkeit angesagt.

Achten Sie darauf, dass hier mit minimalen Gestaltungsmitteln ein sehr abwechslungsreicher Straßenraum geschaffen wurde. Durch leicht zurückgesetzte Häuser öffnet sich die Straße zu einem Platz. Auch der Wechsel zwischen Reihen- und Doppelhäusern gehört zu den architektonischen Gestaltungselementen der Siedlung. Ebenso die unterschiedliche Größe und Anordnung der Sprossenfenster. Schließlich rundet die Farb- und Putzgestaltung das Gesamtbild ab. Achten Sie bei Ihrem Spaziergang auf die vielen Details.

►Gehen Sie die Manfred-von-Richthofen-Straße geradeaus bis zum Thuyring und folgen diesem in einem leichten Bogen nach rechts und biegen dann geradeaus in den Leonhardyweg bis zum Paul-Strasser-Weg. Hier biegen Sie nach links ab und gelangen zum Rumeyplan. Was jetzt schnell beschrieben wurde, sollte Sie nicht zum schnellen Schritt veranlassen. Nehmen Sie sich Zeit und schauen Sie genau hin. Erkunden Sie die kleinen Ungereimtheiten, die bei vielfachem Um- und Ausbau der Häuser entstanden sind. Schauen Sie in die Gärten. Und falls Ihr Spaziergang im Frühling oder Sommer stattfindet, achten Sie auf die Vögel und ihr Gezwitscher.

►Auf dem Rumeyplan umrunden Sie im Uhrzeigersinn den von Anwohnern angelegten Rosengarten. Dann gehen Sie weiter und kommen wieder an die Manfred-von-Richthofen-Straße, in die Sie rechts einbiegen. Nach einigen Schritten kommen Sie zum Adolf-Scheidt-Platz und dürfen den Storchenbrunnen bewundern. Lassen Sie sich Zeit und erkunden die vielfältige Symmetrie, mit der der Platz gestaltet ist.

►Am Platz biegen Sie nach rechts in die Paradestraße und gehen bis zum Torbogen. Biegen Sie nach links in den Kleineweg. Gehen Sie bis zum Wolfring und biegen da links ab und flanieren in dem vor Ihnen liegenden Park auf dem Mittelstreifen. Nach einer Weile überqueren Sie die Manfred-von-Richthofen-Straße. Dann gehen Sie die Treppe zum Park hinunter und schauen auf ein duschendes Nilpferd. Gehen Sie bis zur Brücke, unter der in der warmen Jahreszeit monatliche Konzerte stattfinden. An der rechten Seite der Brücke benutzen Sie die Treppe. Jetzt sehen Sie die Rundkirche, die am 17. Mai 1928 eingeweiht wurde. Mit einem Durchmesser von 30 Metern ist das evangelische Gotteshaus eine der größten Rundkirchen der Hauptstadt.

►Folgen Sie nun der Mussehlstraße, überqueren den Badener Ring, gehen Sie weiter, biegen rechts in den Bayernring und gehen dann nach wenigen Schritten links in die Manfred-von-Richthofen-Straße. Folgen Sie dieser bis zum Schulenburgring. In der Erdgeschosswohnung des Hauses Schulenburgring 2 verhandelten am 2. Mai 1945 der sowjetische General Wassili Tschuikow mit dem Kampfkommandanten von Berlin, General Helmuth Weidling, über das Ende der Schlacht von Berlin.

►Biegen Sie nach rechts in die Burgherrenstraße und überqueren Sie die Dudenstraße. Jetzt machen Sie einen klitzekleinen Abstecher nach Kreuzberg. Das Haus Dudenstraße 10 steht unter Denkmalschutz und ist als Haus der Buchdrucker bekannt. In den 1920er Jahren beschloss die Generalversammlung des Verbands der Buchdrucker – eine Gewerkschaft des grafischen Gewerbes – den Bau eines Verbandshauses. Für die damaligen Verhältnisse entstand ein passables und avantgardistisches Gebäude, und bis zur Zerschlagung der freien Gewerkschaften durch die Nazis am 2. Mai 1933 war das von Max Taut konzipierte Gebäude das politische, kulturelle und geistige Zentrum der als Avantgarde der Arbeiterbewegung geltenden Buchdrucker. Auch die Büchergilde Gutenberg nahm hier mit ihrer avantgardistischen Buchgestaltung ihren Anfang. Seit Kriegsende ist das Haus wieder ununterbrochen im Gewerkschaftsbesitz; zunächst der IG Druck und Papier, die sich 1989 mit der Gewerkschaft Kunst zur IG Medien vereinigte und diese wiederum im Jahre 2001 mit vier anderen Gewerkschaften zur Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) verschmolz. Heute hat hier die basisdemokratisch organisierte Mediengalerie ihre Heimat.

Wenn Sie jetzt noch Lust haben, mehr zu sehen, überqueren Sie den stark befahrenen Platz der Luftbrücke und schauen sich das imperiale Flughafengebäude an. Auf dem Platz sehen Sie auch die „Hungerkralle“, ein Denkmal zur Erinnerung an die Luftbrücke. Im rechten Gebäudeteil, in dem sich das Polizeipräsidium befindet, bietet sich ein Besuch des Kriminalmuseums an.

Nach Belieben können Sie auch noch einen Blick auf die Tempelhofer Freiheit werfen. So heißt inzwischen der zum Park umfunktionierte ehemalige innerstädtische Flughafen. Folgen Sie den Hinweistafeln zu den Eingängen. Bevor hier ab 1923 der Flughafen entstand, wurde das Gelände Tempelhofer Feld genannt und war ein Exerzierplatz. Zug um Zug wurde der Flughafen den immer weiter angestiegenen Anforderungen der beginnenden Luftfahrt angepasst. Ab 1934 begann der Architekten Ernst Sagebiel mit Plänen, um den Flughafen für die Monumental-Ansprüche der Nazis umbauen zu lassen. Das ab 1936 entstandene Flughafengebäude war nach seiner Fertigstellung 1941 mit einer Fläche von 307.000 Quadratmetern für zwei Jahre das weltweit flächengrößte Gebäude. Danach wurde es vom Pentagon (Verteidigungsministerium der USA) abgelöst. Mit einer Gesamtlänge von 1,2 Kilometern ist es immer noch das längste Gebäude Europas.

Bedeutung erhielt der Flughafen während der sowjetischen Blockade Westberlins (26. Juni 1948 bis 12. Mai 1949) für die Versorgung der Bevölkerung. Im 90-Sekunden-Takt starteten und landeten die „Rosinenbomber“ genannten Militärtransportmaschinen.

Mit dem Beginn des deutschen „Wirtschaftswunders“ geriet der Flughafen stetig an die Grenzen seiner Kapazität und wurde immer wieder ausgebaut. Ebenso entstand der Flughafen Tegel. Im Jahre 1996 beschlossen die Bundesregierung und die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg, am Standort des ehemaligen DDR-Zentralflughafens Schönefeld einen neuen, großen Hauptstadtairport zu errichten. Damit wurde das Ende des Tempelhofer Flughafens eingeläutet. Am 30. Oktober 2008 hob das letzte Flugzeug von Tempelhof ab. Seither ist das Gelände in einer Zwischennutzung für die Bevölkerung freigegeben. In einem Volksentscheid am 25.5.2014 stimmten 64,3 % der Berliner gegen eine Bebauung des Tempelhofer Felds. Das Gelände soll bleiben wie es ist und kreativ von der Bevölkerung genutzt werden.

Ansonsten gibt es in der Umgebung jede Menge Einkehrmöglichkeiten. Und am U-Bahnhof Platz der Luftbrücke fährt Sie die U 6 zum nächsten Knotenpunkt des öffentlichen Nahverkehrs.  



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