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Zwischen Dorfanger und Landbahnhof

Diese Tour führt tief in den Süden von Berlin, nach Lichtenrade. Das einstige Angerdorf grenzt an drei Seiten an Brandenburg.


Beginn der Tour: Bushaltestelle X 83, Groß-Ziethener Straße
Endpunkt: S-Bahnhof Lichtenrade
Länge der Tour: etwa 3,8 Kilometer


Alt-Lichtenrade
Alte Schmiede
Alte Feuerwache
Bauernhaus
Dorfkirche
Dorfanger
Alter Dorfkrug
Pumpwerk
Kakteengärtnerei
Alte Mälzerei
Lästermäuler behaupten mitunter, Berlin sei eigentlich gar keine richtige Stadt, sondern eine Ansammlung von Dörfern. Dass da im Kern etwas dran ist, davon dürfen Sie sich bei unserer Tour durch den alten Dorfkern von Lichtenrade überzeugen. Lichtenrade ist ein Stadtteil im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Erstmals wurde der Ort 1375 urkundlich erwähnt und war bis zu seiner Eingemeindung 1920 ländlich geprägt. Das ehemalige Angerdorf liegt im Süden von Berlin und grenzt an Brandenburg. Bis zur Maueröffnung 1989 ging es hier wegen dem fehlenden Durchgangsverkehr eher gemächlich zu.

Sollten Sie nicht bereits in Lichtenrade sein, beginnen Sie die Tour mit einer S-Bahnfahrt der Linie S 2 in Richtung Blankenfelde bis zur Station Schichauweg. Dort steigen Sie in den Bus X 83 und fahren in Richtung Nahariyastraße bis zur Haltestelle Groß-Ziethener Straße. Kleiner Tipp: der Bus X 83 kommt aus Dahlem. Wenn Sie also gerade der Domäne Dahlem oder dem Botanischen Garten einen Besuch abgestattet haben, können Sie sich eine ausführliche Busfahrt durch die Stadtteile Dahlem, Steglitz, Lankwitz und Marienfelde gönnen. Dem Fahrpreis ist das egal.

►An der Bushaltestelle kreuzt die alte Lichtenrader Dorfstraße „Alt Lichtenrade“ die Groß-Ziethener Straße. Bleiben Sie auf der Straßenseite, an der Sie aus dem Bus gestiegen sind, und folgen der Straße Alt Lichtenrade. Die Häuser, die Sie nun bestaunen dürfen, stammen fast alle aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es handelt sich um einstöckige, traufenständige Gebäude mit Krüppelwalm- oder Satteldach. In der Regel sind die Wohnräume über ein von Kellerfenstern belichtetes Souterrain angeordnet. An der Straßenseite führt eine kleine Freitreppe zum Hauseingang.

Achten Sie auf das Haus mit der Nummer 92: es handelt sich um ein 1890 erbautes zweigeschossiges Gebäude. Zur damaligen Zeit war es das einzige Mietshaus im Dorfkern. Gleich daneben, mit der Nummer 94 sehen Sie die alte Schmiede, die 1866 erbaut wurde.

Wenige Schritte weiter sind Sie bei der ehemaligen Feuerwache, die die Hausnummer 97 trägt und 1911 eingeweiht wurde. Etwas zurückgesetzt, blicken Sie auf den alten Steigturm. Auf dem hinteren Teil des Grundstücks befindet sich die 1983 errichtete neue Feuerwache. Das Gebäude der alten Feuerwache beheimatet inzwischen einen Kindergarten.

Nun sind Sie fast schon am Dorfanger von Lichtenrade. Das Bauernhaus mit der Nummer 98 wurde um 1860 erbaut. Rechts sehen Sie den zum Gehöft gehörenden Stall. Ein Mietshaus aus dem Jahre 1903 – das zweite in der Straße – sehen Sie auf dem Grundstück mit der Hausnummer 99. Das Haus Nr. 103 wurde 1953 als Jugendfreizeitstätte erbaut und ist es bis heute. Beim genauen Betrachten werden Sie feststellen, dass die Gebäude, die ab Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden sind, dem dörflichen Charakter angepasst wurden. Die Stichbogenfenster der Jugendeinrichtung gleichen den ortstypischen Bauernhäusern.

Das Haus Nr. 104 ist wieder ein Bauernhaus, etwa um 1880 erbaut. Im Haus 105 befindet sich das Gemeindebüro der nahen Kirche. Ursprünglich war es das Pfarrhaus, das heute bei der Hausnummer 111 zu finden ist. Beim Haus 106 handelt es sich wieder um ein Bauernhaus, das wohl auch um 1880 erbaut wurde.

Richten Sie Ihr Augenmerk nunmehr auf die alte Lichtenrader Dorfkirche, ein evangelisches Gotteshaus, das etwa im Zeitraum Ende des 13. Jahrhunderts oder Anfang des 14. Jahrhunderts aus Feldsteinquadern erbaut wurde. Der Kirchturm wurde viel später, etwa um 1660 dazugebaut, und musste 1810 wegen Baufälligkeit bis auf die Höhe des Kirchendachs abgetragen werden. Der heutige Kirchturm wurde 1902 erbaut. Bei einem Bombenangriff 1943 wurde die Kirche stark beschädigt und brannte vollständig aus. Dabei kam auch eine Glocke aus dem Mittelalter unwiederbringlich zu Schaden. Beim Wiederaufbau 1948/1949 wurde das ehemalige Pyramidendach durch ein Satteldach ersetzt.

Umgeben ist die Kirche von einem alten Friedhof. Ab 1905 durften nur noch Bestattungen in Erbgräbern stattfinden, und ab 1958 wurde der Friedhof für Bestattungen geschlossen. An den Grabaufschriften können Sie erkennen, dass hier keine einfachen Bauersleute beerdigt sind. Rund um den Dorfanger hatten wohlhabende Bauersleute ihr Anwesen.

In der Nähe der Kirche befindet sich der Giebelpfuhl, der größte Berliner Dorfteich. Sie befinden sich inmitten des wunderschönen Dorfangers. Durch seine ovale Form hat der eiszeitliche Pfuhl die Form des Dorfangers vorgegeben. Unweit hiervon, bei der Hausnummer 111, finden Sie das Pfarrhaus mit Remise, im Jahre 1870 erbaut. Im Gegensatz zu den umliegenden Bauernhäusern wirkt das kirchliche Dienstgebäude recht schmucklos.

►Umrunden Sie den Dorfteich und schauen sich noch die Häuser mit den Nummern 113, 115, 117, 121, 112, und 118 an. Alle diese Häuser und Gehöfte wurden zwischen 1856 und 1899 erbaut. Im Haus mit der Nr. 112, in dem heute Zahnärzte ihrem Gewerbe nachgehen, befand sich über lange Zeit der Lichtenrader Dorfkrug mit großem Festsaal. Das Gebäude ist in etwa so erhalten, wie es 1856 erbaut wurde. Die Geschichte des Dorfkrugs geht noch weiter in die Vergangenheit – bis zum Jahre 1375, wie in der Dorfchronik berichtet wird.

►Nun gehen Sie die Straße „Alt Lichtenrade“ bis zum Ende weiter und überqueren den Lichtenrader Damm. Biegen Sie dann in die Goltzstraße ein und folgen ihr bis zur Bahnhofstraße. Sie befinden sich auf der Haupteinkaufsstraße des Stadtteils und finden hier noch auffallend viele inhabergeführte Geschäfte. Seit vielen Jahren verbindet die Bahnhofstraße den S-Bahnhof mit dem alten Dorfkern.

Bis zum 1. Oktober 1961 konnte man vom S-Bahnhof Lichtenrade über die Bahnhofstraße, die Goltzstraße und den Lichtenrader Damm über Mariendorf und Tempelhof mit der Straßenbahnlinie 99 bis in die Mitte Berlins und nach Kreuzberg fahren. „Bei Gesang und Tanz, an dem sich auch die Ehrengäste fleißig beteiligten, ging das schöne Fest erst um 3 Uhr morgens zu Ende“, wird über die Eröffnung der Verkehrsverbindung am 17. Oktober 1928 berichtet. Wer von Kreuzberg nach Lichtenrade fuhr, musste viel Zeit mitbringen. Doch die Fahrt war wohl auch sehr idyllisch. Zum Teil war die Fahrstrecke von Feldern gesäumt.

Im Haus Bahnhofstraße 5/6 ist das Postamt untergebracht, das 1930 erbaut wurde. Bei der Bahnhofstraße 16 sehen Sie ein Mietshaus aus dem Jahre 1908. Gehen Sie nun die Bahnhofstraße weiter bis zur Riedingerstraße und biegen Sie an dieser nach rechts ab. Nach etwa 300 Metern sehen Sie an der rechten Straßenseite das Pumpwerk der Berliner Wasserbetriebe aus dem Jahre 1929. Ihm gegenüber sehen Sie Gewächshäuser. Diese Kakteengärtnerei mit um die 300.000 Pflanzen ist auch für Kakteenverschmäher durchaus sehenswert.

►Machen Sie nun kehrt und gehen die Riedingerstraße bis zum Gerstnerweg zurück, und biegen Sie hier nach rechts und gehen bis zur Steinstraße. Lassen Sie ihre Augen schweifen und nehmen das wuchtige Backsteingebäude in einiger Entfernung wahr. Gleich kommen Sie zur alten Schöneberger Mälzerei. Gehen Sie hinter der Einfahrt zum Supermarkt in die nächste Einfahrt, bis Sie hinter dem Einkaufsmarkt sind. Dann können Sie einmal um die Mälzerei schlendern.

Um den penetranten Geruch, der beim Mälzen entsteht, aus dem bereits damals dicht bebauten Schöneberg herauszuhalten, wurde das an hanseatische Speicher- und Kontorhäuser erinnernde Gebäude 1898 von der Schlossbrauerei Schöneberg errichtet. Am westlichen Kopfbau können Sie das kunstvoll gestaltete Signet der Brauerei bewundern. Bis zur Hochhausbebauung ab den Sechzigerjahren war die Mälzerei eine weithin sichtbare Landmarke für Lichtenrade. Und wer heute mit der S-Bahn von der Stadtmitte in diesen südlichen Stadtteil kommt, nimmt auf der linken Seite bei der Einfahrt als erstes die Mälzerei wahr. Der Betrieb ist längst eingestellt. Bis zur Maueröffnung 1989 diente das Gebäude dem Berliner Senat als Versorgungslager für Notzeiten.

►Nachdem Sie die Mälzerei umrundet haben, befinden Sie sich wieder auf der Steinstraße. Folgen Sie dieser nach rechts und überqueren Sie nach wenigen Schritten die Bahnhofstraße. Gehen Sie nun noch einige Schritte in die Briesingstraße bis zur katholischen Salvatorkirche und dem ehemaligen Christophorus-Kinderkrankenhaus. Hinter dem Bauensemble stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Idee, in ländlicher Gegend ein Säuglings- und Kinderheim zu errichten, zu dem auch eine Kirche mit Pfarrhaus hinzukommen sollte. Doch erst 1933 war das Krankenhaus fertig. Aus Kostengründen wurde von der Kirche nur das Chorgebäude gebaut. Die fehlenden Bauteile konnten 1955/1956 hinzugefügt werden. Wegen „Patientenmangels“ wurde das Kinderkrankenhaus 1995 geschlossen. Nach umfangreichen Instandsetzungsarbeiten dient das Gebäude heute den Lichtenradern als Bürgeramt.

►Jetzt gehen Sie wieder zurück zur Bahnhofstraße und schauen sich zum Abschluss der Tour den Lichtenrader Bahnhof an. Im Jahre 1892 erbaut, ist das zweigeschossige Bahnhofsgebäude mit den niedrigen Nebengebäuden ein typisches Beispiel für einen preußischen Landbahnhof. Schnörkellos – aber schön!

Bevor Sie nun in die S-Bahn steigen, um wieder in das „richtige“ Berlin zu kommen, gönnen Sie sich in einem der Cafés in der Bahnhofstraße eine heiße Tasse oder einen kühlen Drink und lauschen den Einheimischen beim Dorftratsch.  



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